Otello / Wiesbaden (7.1.2016)

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  • January 8, 2016

Man kann über den Regisseur Laufenberg sagen, was man will, aber als Intendant besitzt er beste Kontakte, welche die meisten Opernhäuser ähnlicher Größenordnung vor Neid erblassen lassen dürften. Mitten im laufenden Betrieb, ohne exorbitante Galapreise konnte man in der Kurstadt einen “Otello” mit Jose Cura hören. Und das zahlreich erschienene Publikum kam auf seine (moderaten) Kosten !

Die Inszenierung des Hausherrn gab im September den Anlass zu einem etwas wehleidigen Diskurs. Laufenberg beklagte sich ganz allgemein über die aktuelle Berichterstattung über Musiktheater in Printmedien und ganz besonders über die Kritik an seinem “Otello”. Ganz ehrlich – der Abend begann schlecht, wurde aber besser – der letzte Akt bot dann richtig große Oper. Nicht wenige Regisseure kürzen ja ganz gerne gesprochene Passagen – Laufenberg wählt den entgegengesetzten Weg und lässt den Abend mit einer Ansprache Jagos ans Publikum beginnen. Erwartungsgemäß verstand man wenig (und sah von den Seitenrängen aus wenig) und das, was man verstand, hätte man sich sparen können. Im ersten Akt sind die zahlreichen Sandsäcke überflüssig, die Positionierung der verschiebbaren Säulen ungünstig gewählt und die Vorderbühne schlecht ausgeleuchtet. Es sind diese handwerklichen Fehler, die mich stören – nicht der bereits erwähnte Monolog oder die Einfügung der stummen Rolle der Bianca (noch aus dem Shakespeare-Original). Auch hier macht Laufenberg übrigens im zweiten Akt auf halber Strecke Stop – zu seinem Credo öffnet Jago den Gürtel und den obersten Knopf seiner Hose, zwingt Bianca auf den Boden und dann – passiert letztlich doch nichts. Glücklicherweise stört das nicht sonderlich, denn Matias Tosi kann man mit einem derart dunklen, imposanten Bariton aufwarten, dass es gar nicht sonderlich auffällt, dass er die Abgründe seines Charakters darstellerisch nur ansatzweise vermitteln kann. Nicht richtig warm wurde ich anfangs mit Cristina Pasaroiu. Für eine Desdemona und dieses doch recht kleine Haus klang mit dieser Sopran zu arg nach Tosca. Erst im vierten Akt zeigt die Rumänin, dass sie auch Piani erzeugen kann. Und das macht sie dann aber auf wirklich bemerkenswerte Weise. Ähnliches ist auch über Leo McFalls Dirigat zu berichten. Freilich muss es am Anfang im Orchestergraben stürmen, aber danach wäre es doch auch ganz schön, wenn man Dezibelstärken erreichen könnte, die unterhalb der Tinnitusgefahr liegen. Aber hier – nach der Pause befinden wir uns in ruhigeren Fahrgewässern, ohne dass deswegen die Qualität sinkt. (Eventuell liegt meine akustische Wahrnehmung auch mit dem Sitzplatz in der Seitenkurve des dritten Ranges zusammen.)

Und Cura ? Nach einem passablen Samson und dem gesundheitlich bedingt angeschlagenen Cavaradossi ist dies die erste Aufführung, in der mich Cura überzeugt hat und in der ich auch verstanden habe, was seine Fans an ihm finden. Die Höhe ist etwas dünn, aber er legt sich die Rolle klug zurecht. Sein “Esultate” ist zum Beispiel vom ersten Ton an bei 100 Prozent, da fallen die eher angetippten Spitzentöne gar nicht auf. Wirklich eindrücklich ist dabei, wie er sich mit seiner Rolle identifiziert – mehr als einmal wirkt das alles so echt, dass man fast gar nicht hinschauen kann – hinhören jedoch immer. Cura neigt dabei gelegentlich zur Überzeichnung, aber das verbuche ich einfach mal als Überengagement.  Die Schlussszene ist dabei von kaum zu beschreibender Intensität – bravi !

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