Götterdämmerung / Nürnberg (27.12.2015)

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  • December 27, 2015

Zum Jahresausklang gab es für mich die “Götterdämmerung” in Nürnberg – und wie bei so vielen Ringen schien es auch hier der Fall zu sein, dass der Regie die Puste ausgegangen ist. Oder vielleicht schreit die Götterdämmerung ja vielleicht förmlich nach einem klassischen Inszenierungsschema, das kaum Abweichungen ermöglicht, die sinnvoll erscheinen ?

Das Vorspiel lässt Georg Schmiedleitner jedenfalls im Saal beginnen, wo die drei Nornen (Anne Ellersiek sticht als dritte Norn bzw. später als Woglinde besonders positiv hervor) über die Zuschauerreihen im Parkett klettern und mit dem Seil verspinnen. Musikalisch fehlt somit ein wenig ein zusammenhängender Eindruck, aber angesichts der vorhersagbaren Längen dieses Aktes ist man für diese Art der Darstellung durchaus dankbar. Auf dem Walkürenfels muss der textverständlich und furios singende Vincent Wolfsteiner als Siegfried anfangs im Liegen singen – wozu ? Der sympathische Tenor transportiert die Unbedarftheit der Rolle jedenfalls ungemein überzeugend. Rachel Tovey (Brünnhilde) singt (über-)vorsichtig und transponiert ihr letztes “Heil” nach unten. Die Gibichungenhalle ist dann – wie so oft – ein im edlen Weiß gehaltenen Wohnzimmer mit Designermöbeln und Kühlschrank aus Stahl. Ekaterina Godovanets’ Äußeres ist dabei weit einnehmender als ihre stimmliche Darbietung der Gutrune. Deren Bruder gibt Jochen Kupfer mit ungewohnt heldischer Atttitüde. Woong-Jo Choi fehlt zu Anfang der diabolische Abgrund, welcher die Rolle des Hagens so interessant macht. Rein optisch wirkt er wie ein adipöser Jüngling, der genau weiß, dass ihn niemand mag, aber jemand der weiß, dass er schlau ist und in zehn Jahren eine Software-Firma leiten wird und es dann all seinen Peinigern heimzahlen wird.  Zurück auf dem Walkürenfels vermisst man bei Roswitha Müllers Waltraute doch ein wenig die stimmliche Tiefe, ehe der ungewohnt zügig dirigierte erste Akt (110 Minuten) zu Ende geht.

Im zweiten Akt  imponiert neben dem Chor Antonio Yang in seiner Paraderolle als Alberich. Warum (syrische) Flüchtlinge von Hagens Mannen verprügelt werden, ist nicht ersichtlich – aber die “Mannen-Rufe” sind äußerst kraftvoll, ganz im Gegensatz zum versemmelten Speereid Brünnhildes.

Im dritten Akt tauchen dann die Rheintöchter (gleiche Besetzung wie bei den Nornen) aus einem Pool – merkwürdigerweise sich im Besitz der Nornenseile befindend. Die Waldvögleinerzählung meistert Wolfensteiner ohne Falsettieren – bemerkenswert, genauso wie sein “Brünnhilde, heilige Braut” beim Sterben. In Kombination mit dem überwältigenden Trauermarsch ein in musikalischer Hinsicht formidables Ende, käme da nicht die Wotanstochter erneut zum Vorschein. Hier wird klar, dass die Götterdämmerungs-Brünnhilde für Tovey eine Hausnummer zu groß ist. Sie singt nur noch im Mezzo(forte/piano), die exponierten Töne rutschen nahezu allesamt aus dem Fokus. Es dürfte dem Geist der Weihnacht geschuldet sein, dass sie vom Publikum nicht abgestraft wurde.  Und jetzt am Ende ergeben die vorher eher unmotiviert auftauchenden Flüchtlinge ansatzweise einen Sinn. Brünnhildes Twitterei nach ihrem Schlussgesang ist einfach nur blöde, aber ganz zum Ende erscheinen die Flüchtlinge und halten ihre Smartphones in die Höhe. Auf ihren Displays sehen wir alle brennende Häuser. Die Götterdämmerung – sie findet bereits statt. Und wenn wir weitermachen wie bisher, dann kommt sie schneller zu uns, als es uns lieb sein kann. Leider die einzige imposante Szene eines ansonsten vorhersagbar inszenierten Abends.

Den ganzen Abend über hingegen überzeugte das Dirigat von Marcus Bosch. Der GMD kann es richtig krachen lassen, tut dies aber nie auf Kosten der Sänger. Durch die schnellen Tempi (der dritte Akt dürfte diesbezüglich mit 72 Minuten rekordverdächtig sein) fallen manche Ritardandi besonders auf. In keiner Orchestergruppe gab es Aussetzer zu vermelden. Neben dem Schlussbild sind Wolfensteiner und Bosch jedenfalls die Highlights des Abends.

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