La Boheme / Stuttgart (26.12.2015)

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  • December 26, 2015

Der zweite und dritte Rang waren ausverkauft, im Parkett herrschte gähnenden Leere. Hatte das Publikum beim Buchen einen siebten Sinn oder kannte es bereits die Vorliebe des Kapellmeisters Simon Hewitt, lieber laut als leise zu spielen ? Vor allem die kurzfristige Mimi-Einspringerin, Agnieszka Tomaszewska, die ihre Sache aber ansonsten sehr ordentlich machte, hätte sich bestimmt dann und wann etwas mehr Rücksichtnahme auf das doch überschaubare Stimmvolumen gewünscht. “Ihr” Rodolfo, Arnold Rutkowski, brauchte den ersten Akt, bis er sich warm gesungen hatte – dann klang das aber doch sehr überzeugend. Überzeugend waren auch seine Künstlerkollegen, allen voran Ronan Collett als einfühlsamer Marcello sowie Yuko Kakuta als überdrehte, aber glaubenswürdige Musetta.

Kurzum: musikalisch war diese Nachmittagsaufführung solide, mehr auch nicht. Was sie jedoch adelte, ja geradezu umwerfend machte, war die Regie von Andrea Moses. Boheme – das heißt ja oft kitschiger Pseudorealismus (also eigentlich viel zu schnieke angezogene Studenten) mit ordentlich Kunstschnee. Nicht so hier. Diese Boheme bewohnt ein Loft und sind sehr gegenwärtige, Anti-Establishment-Künstler – ganz im Gegensatz zum Momus-Bild, wo der künstlerische Kommerz alles dominiert. Man ist nicht nur pleite, sondern auch cool, hip und ironisch. Alles, was man tun, ist irgendwie Selbstdarstellung und im vierten Akt letzlich Selbstverwertung. Liebe lässt man(n) nicht wirklich an sich ran und deswegen besingen Rodolfo und Mimi ihr Kennenlernen mithilfe eines Mikros abwechselnd im hauseigenen Studio. Moses widersetzt sich der banalen Kitschattacke und kommt somit einer der in meinen Augen zentralen Frage des Stückes, das Nicht-zusammenkommen-können der beiden Protagonisten, auf die Spur. Endlich auch mal ein dritter Akt, in dem die Motivation, die Gefühlslage beider deutlich werden. Der vierte Akt ist dann eine Kunstgalerie, in der die Boheme vor interessierten Käufern ihre Performance abzieht. Mimis Tod war selten wahrhaftiger und gleichzeitig bitterer zu beobachten.

Man kann nur hoffen, dass diese Inszenierung noch lange auf dem Spielplan stehen wird !

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