Didone abbandonata / Schwetzingen (19.12.2015)

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  • December 22, 2015

Wen die nicht besonders niedrigen Eintrittspreise der Schwetzinger Festspiele bisher vom Besuch abgehalten haben, kann das Erlebnis des barocken Theaters samt Schlossgarten auch deutlich günstiger haben – das Theater Heidelberg bespielt die beeindruckende Location regelmäßig im Rahmen eines hauseigenen Festivals (“Winter in Schwetzingen”). In den letzten Jahren hat man regelmäßig Opern der neapolitanischen Schule ausgegraben und dieses Jahr zum ersten Mal ein interessantes Pasticcio aus Händel- und Vinciarien auf die Bühne gebracht.

Regisseurin Yona Kim verzichtet nahezu vollständig auf die Rezitative (die ob ihrer Länge selbst fetzigsten Vinci-Opern ein wenig den Wind aus den Segeln nehmen können) und kürzt das Ganze somit auf eine Netto-Spielzeit von zwei Stunden. Es ist interessant zu beobachten, dass die Handlung auch so gut kommuniziert wird – sicher ein Verdienst der Regie. Etwas irritierend hingegen ist, dass kürzungsbedingt  eben all die zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen der Rezizative, die “Dialoge” sozusagen, nicht mehr stattfinden und durch Interagieren während der Arien ersetzt werden. Das funktioniert meistens, aber eben auch nicht immer. Gleichwohl obsiegt der Eindruck: weniger ist hier durchaus mehr.

Gefreut habe ich mich über die musikalische Kraft, die aus dem Graben zu vernehmen war. Ich erinnere mich noch an manch suboptimales Dirigat zu den Winterfestspielen – in der besuchten Vorstellung klappert und wackelt nichts und die Hörner spielen die vertrackten Wendungen fehlerlos und heroisch. Dirigent Wolfgang Katschner hat da ganze Arbeit geleistet !

Sängerisch ist der Abend auf bemerkenswert hohem Niveau – die meisten Stadttheater, die Ausflüge ins Barockfach machen, merkt man fehlende Aufführungspraxis und fehlende Routine mit dieser Epoche an. Auch hier hebt sich Heidelberg positiv von der Masse ab. Das zeigt sich auch daran, dass die Rolle des Aeneas vom hauseigenen Countertenor (!) Kangmin Justin Kim besetzt werden kann. Kim überzeugte schon als Cherubino, hier zündet er ein spannendes, wenn auch nicht immer astrein intoniertes Feuerwerk ab, während ihm die leisen Tön besser in der Kehle liegen. Wer jedoch die letzten beiden Vinci-Ausgrabungen von “Parnassus” kennt, weiß die Qualität dieser Leistung jedoch besonders zu schätzen. Rinnat Moriah gibt der Dido durchaus ruppige, beinahe eiskalte Züge. Ein etwas ungewohntes Bild der Karthago-Königin, das aber durchaus zu gefallen weiß. Elisabeth Auerberbach gibt ihre Schwester Selene mit solidem Mezzo, der Countertenor Terry Wey  den Gegenspieler von Aeneas mit expressiver Tonbildung.

Fazit: Heidelberg zeigt, dass auch kleine Häuser (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) große Leistungen vollbringen können und mit Spezialistenensembles ansatzweise mithalten können.

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