La Traviata / Strasbourg (13.12.2015)

  • 0
  • December 13, 2015

Glaubt man dem enthusiastischen Applaus des Publikums, muss dies heute eine “Traviata” mit Referenzcharakter gewesen sein. Manchmal frage ich mich, wie die eigene Wahrnehmung eines Abends (bzw. in diesem Fall: einer Matinee) derart von der Wahrnehmung der Publikumsmehrheit abweichen kann. Ich versuche mich also eher an einer Erklärung denn an einer Rezension:

Dirigat: Pier Giorgio Morandi leitet das Orchester souverän, arbeitet viele Details heraus ohne dass es “gewollt” klingt. Einige schöne Rubati sind zu vernehmen. Eigentlich müsste hier am meisten geklatscht werden – wurde es aber nicht.

Sänger: Etienne Dupuis (Giorgio Germont) ist einer der “gehyptesten” Verdibaritöne zur Zeit. Und dies zu Recht, da er ein unglaubliches Volumen, ein grandioses Legato und ein warmes Timbre besitzt. Allerdings hätte er mit Lautstärke dann und wann weniger protzen können, dann wäre das Ergebnis sicher noch eindrucksvoller gewesen. Roberto de Biasio gab dessen Sohn mit einem starken, fast metallischem Klang in der Mittellage und angenehmen Schmelz in den  höheren Lagen. Schade, dass er beim “Oh mio rimorso” das hohe c wegließ. Ana-Camelia Stefanescus Stärke als Traviata liegt im Lyrischen, weshalb es nicht verwunder, dass ihr “Addio del passato” zum Höhepunkt der Vorstellung geriet. Wirklich groß ist die Stimme jedoch nicht und beim Versuch des Raumfüllens wird der Klang leicht spitz. Die Koloraturen bereiten ihr unerwartet Probleme, was zu einigen Intonationstrübungen und – fast schon auf Ansage – einem nicht gesungenem es führt.

Bisher also alles eigentlich gar nicht mal so übel – genau genommen sogar ganz gut. Wenn, ja wenn es da die Regie nicht gegeben hätte.

Regie: Zweifelsohne tut Vincent Boussard niemandem weh. Es gibt sehr schön anzusehende Kostüme und keine Körperflüssigkeiten, die Bühne bleibt sauber. Unfreiwillig komisch hingegen der riesige Zerrspiegel,welcher die Charaktere genauso breit wie hoch reflektiert. Nur phasenweise vorhanden die Personenführung (die Beziehung Violetta/Alfredo war ordentlich gearbeitet – im Duett Violetta/Giorgio war Rampensingen angesagt) und vollends bescheuert der dritte Akt, in welchem Violetta auf einem (Klavier-)Flügel liegt, singt und stirbt während alle anderen Beteiligten des Aktes bereits auf der Bühne sitzen und beim langsamen Sterben zuschauen. What the f*** ? Ein Guth oder ein Loy kann so etwas immer wieder machen, weil er es eben kann – und Boussard kann es leider nicht.

Schade – es hätte sonst eine solide “Traviata” werden können.

Share Button
(Visited 130 times, 1 visits today)

2 Comments

  • Pünktchen says:

    “Zweifelsohne tut Vincent Boussard niemandem weh. Es gibt sehr schön anzusehende Kostüme.”
    Da haben Sie doch schon die Erklärung. Dazu all die herrlichen Melodien… Das ist doch ein gelungener Sonntagvormittag! *g*