Tancredi (Premiere) / Mannheim (4.12.2015)

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  • December 7, 2015

Mannheim hat den Ruf der Wagnerstadt. Und nach so manch mittelmäßigem Abend im dortigen Nationaltheater fragte man sich, ob hier ein Haus nicht vom Ruhm längst vergangener Zeiten lebt. Und dann kommt, völlig unerwartet, eine Rossini-Premiere und man fragt sich, warum Mannheim eigentlich nicht häufiger mal die Finger von dem lässt, was verständlicherweise verdammt schwer ist und stattdessen die vorhandenen Stärken gezielt ausspielt.

Denn diese Premiere “Tancredi” war wirklich phänomenal, wenn auch nicht perfekt. Dazu waberte der Chor an manchen Stellen zu voluminös, die Flöte fiepste dann und wann und ein wenig mehr Tempo hätte in der Ouvertüre gut getan. Aber sonst gibt es nichts zu mäkeln – selbst die notorisch überfordert Hornsektion, die mir schon manches “Rheingold” und “Götterdämmerung” versaute, zeigt sich mit warmen Klang von ihrer Sonnenseite. Da hat Gastdirigent Rubén Dubrovsky ganze Arbeit geleistet und das Orchester ist ihm dabei vorbildlich gefolgt. Bravi !

In sängerischer Hinsicht ist der Abend sogar noch gelungener. Ji Yoon macht mit apartem Sopran in der Minirolle des Ruggiero auf sich aufmerksam, Sung Ha überragt als Orbazzano mit Körpergröße und profundem Bass mühelos das Ensemble. Maria Markina in der Titelpartie besitzt einen klangschönen Mezzo, sollte aber beim Öffnen der Stimme darauf achten, dass es nicht zu grobschlächtig klingt. Mit der Höhe hat sie keine Mühe, allerdings fehlt ein wenig die Bühnenpräsenz. Dass ich in dieser Partie lieber einen Contralto gehört hätte, kann man der Sängerin ja nicht zum Vorwurf machen. Filipo Adami war als einziger mit seinem Part (Argirio) bereits vertraut – was bei dieser vertrackten Tenorpartie bestimmt kein Schaden ist. Er hätte jedenfalls mehr Applaus verdient gehabt, denn sicher besitzt er weder die Leichtigkeit eines Florez noch die heroische Attitüde eines Gergory Kunde. Gleichwohl gelingen ihm eindrückliche Momente und man hatte nie das Gefühl, hier überfordere sich ein Sänger. Höhepunkt des Abends war jedoch Tamara Banjesevic als Amenaide. Bereits im Gala-Figaro letzte Spielzeit hatte sie abräumen können und mit ihrem damaligen Bühnengatten (Erwin Schrott) locker mithalten können. Ein ähnlicher Triumph ist hier zu beobachten: Mit welcher Selbstverständlichkeit sie diese Legatobögen zaubert oder die halsbrecherischen Koloraturen meistert und gleichzeitig nie zur bloßen Zirkusnummer degradiert, das ist schon ganz großes Kino.

Und die Regie von Carola Däuper ? Nun, die hält sich so vornehm wie angenehm zurück. Bis auf die beiden Kinderstatisten (Tancredi und Amenaide) erzählt sie die Handlung solide nach, konzentriert sich weniger auf den Helden (Tancredi), sondern die Hilflosigkeit einer Frau (Amenaide) in einer kriegerischen Männergesellschaft, ohne eben explizit alles genau zeigen zu müssen. Die Tatsache, dass die Figuren Rossinis, die ja öfters doch eher schablonenhaft gezeichnet sind, als glaubwürdig  Charaktere zu erleben waren, zeugt jedenfalls von solider Handwerkskunst.

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