La Favorite / Berlin (5.12.2015)

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  • December 7, 2015

So manches Werk wird gerne als “Vorstudie” oder Vorwegnahme eines bedeutenderen Werkes bezeichnet. Bei Donizettis “La Favorite” – übrigens eine sehr schmeichelhafte Bezeichnung für die Mätresse des Königs – erinnert viel an den “Don Carlo”, obgleich somit eher die Defizite des Stückes offenbart wurden. Die ganzen Hofintrigen, die Klosterszenen, sie langweilen letzlich. Von der Komposition klingt es wenig nach grand opera, sondern nach dem üblichen Donizetti. Das klingt fieser, als es gemeint ist, aber wo die französische Sprache die dramaturgische Kraft des “Carlo” in meinen Ohren sogar potenziert, schmälert sie hier merkwürdigerweise eine durch und durch italienisch klingende Partitur. Die am Ende zum Überdruss auch nicht an Weihrauch spart.Kurzum: so was kann man nur konzertant und mit verdammt guten Sängern machen. So schlau war die Deutsche Oper Berlin natürlich, sparte sich das szenische Arrangement und investierte das Geld klug in die Sänger. Aus dem Ensemble besetzt wurden übrigens die Rollen des Pagen (Elena Tsallagova mit locker-leichtem Sopran) und des Priors (Ante Jerkunica mit stattlichem Bass) – und dies sehr überzeugend. Gut investiert war das Geld für Florian Sempey als heldischer König Alphonse allemal. Dummerweise sagte Joseph Calleja ab und bescherte dem Publikum somit Marc Laho. Sein Gesang ist zweifelsohne idiomatischer als es Calleja gewesen wäre, aber das ist es dann auch, was mir an Positivem einfällt. Er singt die Partie grundsolide und somit langweilig. Die Höhen klingen angestrengt und werden abgetrotzt. Somit entfällt auch das gegenseitige Sich-Hochputschen mit der Sängerin der Titelpartie, was den Abend durchaus hätte spannend machen können. Elina Garancas Mezzo ist über alle Zweifel erhaben, er weist mittlerweile stark auf die Eboli hin, aber er lässt mich relativ kalt. Warum auch immer, der Funke will einfach nicht zünden, da kann das Orchester unter der Leitung von Pietro Rizzi noch so schmissig, aber eben zu italienisch, aufspielen.
Angeblich soll München das Werk bald szenisch geben. Ich frage mich, wie das werden soll…….

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8 Comments

  • Pünktchen says:

    “Ich frage mich, wie das werden soll…” Das geht schon… Vor über zwanzig Jahren wurde das hehre Werk in Darmstadt gespielt; es war so übel nicht. Leider habe ich das Programmheft nicht mehr und weiß also keine Besetzungsdetails, aber an die Inszenierung habe ich noch eine einigermaßen klare Erinnerung: weil die Originalhandlung zur Zeit der Reconquista spielt, hatte der Regisseur sie kurzerhand in ein nicht näher definiertes Kriegsgeschehen Mitte des 20. Jahrhunderts verlegt, was – von einer sehr schrägen Ballettszene abgesehen – erstaunlich gut aufging. Lassen wir uns also überraschen, was den Münchners so einfällt.

    • admin says:

      Mir geht es weniger um den historischen Rahmen (Reconquista), sondern um die Glaubwürdigkeit der Charaktere hinsichtlich der Religiösität. Erst Mönch, dann Feldherr, dann wieder Mönch – bekloppt. Und selbst für eine Oper unglaubwürdig.

      • Pünktchen says:

        “Erst Mönch, dann Feldherr, dann wieder Mönch – bekloppt. Und selbst für eine Oper unglaubwürdig.”
        Das finde ich nicht – manche tun sich mit der Berufswahl eben ein bisschen schwerer und müssen ausprobieren *g*
        Zudem: die Weltgeschichte kennt durchaus Geistliche, die zwischendurch gerne mal persönlich in den Krieg zogen (der Bischof Ulrich von Augsburg gegen die Ungarn, der Papst Julius II gegen die Venezianer…). Sooo neben der Realität ist das gar nicht.

        • admin says:

          Dass das christliche Führungspersonal gerne Kriege führte, ist mir durchaus bekannt. Aber die von Ihnen genannten Herren haben diese Kriege immer als christlicher Würdenträger und nie als (weltlicher) Laie geführt. Bei der “Favorite” ist dies ja nicht der Fall.

          • Pünktchen says:

            Immerhin gibt es Ramiro II. von Aragon , genannt ‘der Mönch’ – auch er eine Gestalt aus Zeit der Reconquista, wenngleich deutlich früher als Alfons der XI… Aber immerhin: er fing als Mönch an (das häufige Schicksal überflüssiger jüngerer Söhne), der nach dem Aussterben seiner übrigen Familie zum König gewählt wurde, sich aber später wieder ins Kloster zurückzog, nachdem er seinem Schwiegersohn die Regierung übergeben hatte.

          • admin says:

            Der Vergleich hinkt. Es ist nicht ganz klar, ob Fernand blaublütig ist – dass er nach der Ausbildung Abt werden soll, spricht zwar dafür, dass er aber als Heerführer nie mit einem Titel/Familiennamen angesprochen wird (“Held vom Stamm der Familie xy” o.ä.) wiederum nicht. Aber der entscheidendere Punkt ist: bei dem von Ihnen genannten Ramiro war das Klosterleben – flapsig formuliert – bloße Beschäftigungstherapie, nicht Ausdruck ernsthaft empfundener Religiosität. Fernand wird zu Beginn als ernsthaft gläubig dargestellt und kehrt als reuiger Sünder zurück in den Schoß der Kirche. Einem Ramiro wäre das Mätressendasein seiner Geliebten wurscht gewesen.

  • Pünktchen says:

    Sie sind mäkelig! Außerdem – mal ganz ehrlich: kennen Sie irgendeinen Komponisten, dessen Opernhandlungen nicht in irgendeinem Punkt unrealistisch werden? Außer Mussorgskiy fällt mir keiner ein. (Puccini vielleicht noch, aber sonst…)

    • admin says:

      Es geht mir gar nicht um Realismus, sondern um die Glaubwürdigkeit des Gezeigten. Freilich sind die meisten Opern “unrealistisch”, aber für mich eben nicht unglaubwürdig.