Der fliegende Holländer / Frankfurt (29.11.2015)

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  • November 29, 2015

Eigentlich.

Eigentlich wollte ich diese Zeilen erst morgen schreiben. Den Ärger über die “Holländer”-Premiere etwas verdauen und sine ira et studio meine Eindrücke über diese vollkommen belanglose Aufführung zu Paper zu bringen. Eigentlich. Aber was soll’s….

Fangen wir also mit dem Positiven an: Das Dirigat von Bertrand de Billy war zügig, jedoch nicht zu langsam und vor allem gut geprobt. Das ist bei einem “Holländer” ja schon mal 70 Prozent der Miete. Insbesondere die Holzbläser waren vorzüglich und verbreiteten schon in der Ouvertüre Karfreitagszauber. Ebenfalls herausragend die präzisen Chöre. Selten hat man eine Mary derart luxuriös (Tanja Ariane Baumgartner) besetzt gehört und auch der Steuermann von Michael Porter war in Ordnung. Wie in Watte gehüllt klang Andreas Bauer als Daland, was sich aber im Laufe des Abends besserte. Eine passable Leistung. Neugierig war ich vor allem auf Daniel Behles Rollendebüt als Erik. Es ist natürlich schön, endlich mal einen Tenor ohne Überdruck und dafür feinen Piani in dieser Partie zu hören,  aber es wäre doch schöner gewesen wäre, wenn die Stimme präsenter gewesen wäre. Das gilt auch für Erika Sunnegardh, welche die Partie der Senta von Amber Wagner übernommen hatte (warum eigentlich ?). So schön es ist, dass sich die Schwedin trotz Turandot ihr lyrisches Timbre bewahren konnte – hier klingt sie zu mädchenhaft, manchmal fast “fiepsig”. Die Radikalität ihrer Charakters kann man stimmlich nicht einmal ansatzweise erahnen. Und dass man ihre Ballade im ursprünglich notierten a- statt g-Moll spielte, machte die Sache für sie weiß Gott nicht einfacher. In der Titelpartie gab es ebenfalls ein Rollendebüt – und dieses war genau genommen enttäuschend. Dass Wolfgang Kochs Bariton die Tiefe (“letztes Nass versiegt”) fehlen würde, war klar. Aber dass er derart mit der Höhe hadern und die Vokale verfärben, zu oft in eine Art bellenden Sprechgesang verfallen würde, das kam dann doch im negativen Sinne überraschend. Dass die Stimme relativ farbarm ist, kann Koch ein wenig durch eine plastische Textgestaltung wettmachen. Aber auch hier fehlt das Abgründig-Faszinierende der  Rolle. Ein schwarzer Mantel reicht einfach nicht.

All das hätte eine mittelmäßige Regie eigentlich auffangen können. Aber man entschied sich am Opernhaus des Jahres für einen Regisseur, von dem mir auch bei langem Nachdenken keine überzeugende Produktion einfällt. David Bösch beginnt dabei eigentlich ganz interessant, als man beim Öffnen des Bühnenvorhangs meint, nicht Seeleute, sondern Feuerwehrleute am Ground Zero zu sehen. Aber das war es dann auch schon. Spätestens mit dem Auftritt des Holländers bedient Bösch alle, aber wirklich alle Klischees, die es über “Regietheater” gibt – von Rockern auf Motorrädern als Holländermannschaft, Benzin als Brennmittel, Zigaretten, Pistolengefuchtel undwasweißichnichtnochalles. Nicht zu vergessen, die obligatorisch-riesige Schiffsschraube. Ansonsten machen die Charaktere auf der Bühne, wonach ihnen der Sinn steht – es verwundert also nicht, dass Sunnegardh, welche die Rolle bis vor kurzem noch in Wiesbaden sang,  ihre Rolle am ehesten noch gestaltete.

Ich habe auf dem Nachhauseweg lange überlegt, wann ich zum letzten Mal einen derart langen Holländer ertragen habe. Mir fiel keiner ein. Entweder leide ich also bereits in meinen Dreißigern an Alzheimer oder aber die Inszenierung war wirklich so besch….eiden. Eigentlich müsste letzteres der Fall sein.

Eigentlich.

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3 Comments

  • Pünktchen says:

    ” Spätestens mit dem Auftritt des Holländers bedient Bösch alle, aber wirklich alle Klischees, die es über “Regietheater” gibt – von Rockern auf Motorrädern als Holländermannschaft, Benzin als Brennmittel, Zigaretten, Pistolengefuchtel undwasweißichnichtnochalles.”

    Na, sagen wir mal: fast alle… Könnte ja auch Absicht sein – so ganz theoretisch.

    • admin says:

      Für die von Ihnen angedeutete Absicht vermisse ich dann aber so etwas wie ein ironisches Augenzwinkern oder einen offensichtlichen Querbezug. Aber Sie schreiben: “fast alle”. Welches Klischee hat Ihnen noch gefehlt ?

  • Pünktchen says:

    Das Augenzwinkern hatten Sie doch wenigstens bei der Nummer mit den Bierflaschen…