Salome / Stuttgart (22.11.2015)

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  • November 22, 2015

Eine dekadente, übersexualisierte Gesellschaft. Religiöser Fanatismus. Sicherheitswahn. Kampf der Kulturen. Nein – wir befinden uns nicht in der aktuellen Bundesrepublik, sondern im ersten Jahrhundert im Nahen Osten.  Aber dass es Regisseur Kirill Serebrennikov gelingt, diese “Salome” ins Hier und heute zu transportieren ohne dass alle abgegriffenen Bühneneffekte des sogenannten “Regietheaters” bemüht werden müssen, das ist eine Meisterleistung. Diese Inszenierung hat sicherlich Anspruch darauf, auf die Shortlist der besten Opernaufführungen der Saison zu gelangen.

Wir sehen Überwachungsmonitore, eine riesig-runde Leuchtinstallation (der Mond)in einem so kalt wie luxuriös ausgestatteten Wohnzimmer, wäre da nicht am Rande ein leerer, dunkler Swimmingpool ohne Wasser. Der Herodes’sche Hofstaat setzt sich aus Sicherheitspersonal zusammen. So weit, so altbekannt. Serebrennikov teilt die Rolle des Jochanaans jedoch in eine “Stimme” und einen Körper. Iain Paterson, im Konzertanzug am Bühnenrand stehend, gibt dem religiösen Eiferer die stimmlich richtige Mischung aus Radikalität und Attraktivität und besticht zudem durch einen langen Atem, während sein “Körper” vom Sicherheitspersonal erst entblößt und später gefoltert wird. In der Regel singt Salome den Köperdarsteller an – bis auf “deine Stimme ist wie Musik in meinen Ohren”. Zwischen den einzelnen Phrasen stößt Yasin El Harrouk auf Arabisch die Wild’schen Texte im aggressiven Gestus heraus – selten wurde mir so klar, wie gefährlich dieser Mann ist (und wie gefährlich wohl erst der Mann wird, “der sein wird der Erlöser der Welt”) und worin seine Attraktivität liegt – nämlich in der uneingeschränkten, aber durchaus aufrichtigen Ablehnung des dekadenten Lebensstils. Und den verkörpern Claudia Mahnke als Herodias, die so oft es geht abgeht um sich mit ihren Liebhabern zu vergnügen und der Herodes von Matthias Klink besonders eindrücklich. Stimmlich gefällt vor allem Klink, der diese Rolle nicht als Charaktertenor interpretiert, sondern als ganz heldischer. Beide sind herrlich überdreht, aber nie Karikaturen.Bei Salomes Tanz sehen wir eben nicht den Tanz, sondern die Glücksgefühle, die Herodes beim Tanz empfindet: Erfolg beim Fußball, ein glückliches Kind mit Geschenk, eine Sexorgie und am Ende seine tote, von ihm erwürgte Frau. Alles natürlich nur ein Traum. Später sehen wir relativ deutlich, wie Jochanaan geköpft wird, indem gekonnt mit filmischen  Mitteln der Nachrichtensender und Amateurfilmer gearbeitet wird. Unterm Strich ist die Altersempfehlung ab 15 durchaus nachvollziehbar. Simone Schneider gibt eine optisch taffe Salome im schwarzen Hoodie. Ich habe eine Weile gebraucht, um mich an ihre Stimme un vor allem deren Timbre zu gewöhnen. Manchmal klang mir das zu arg matronenhaft, aber dann gibt es zunehmend atemberaubend perfekt gesungene Stellen – ich habe jedenfalls noch nie so viele Piani in der Schlussszene gehört.

Inszenierungskonform war das Dirigat von Roland Kluttig – grob, zupackend, wenig orientalisch, eigentlich eine “Elektra”, aber trotzdem mit fein herausgearbeiteten Details.

Phänomenal, diese Stuttgarter “Salome” !

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