Iwan Sussanin / Frankfurt (20.11.2015)

  • 0
  • November 21, 2015

“Man kann eine Oper nicht zeitgenössisch inszenieren, indem man statt einer Kutsche einen Porsche hinstellt.” Meint jedenfalls Altmeister Hans Neuenfels. Und betrachtet man die aktuelle Produktion des “Iwan Sussanin” in Frankfurt, vom anderen Altmeister Harry Kupfer in Szene gesetzt, hat Neuenfels recht.

Das phasenweise oratorienhaft anmutende Werk aus der Feder Michail Glinkas verkörpert die drei Säulen des vorrevolutionären Russlands – Autokratie, Orthodoxie, Volkstum – wie kaum ein anderes. Der Titelheld, ein einfacher Bauer führt die Truppen des polnischen Feindes bewusst in die Irre, um dem im Kloster versteckten neuen Zaren und Gründer der legendären Romanow-Dynastie, die Flucht zu ermöglichen. Und somit den eigenen Tod herbeizuführen.
Die Handlung selber aus dem 17. Jahrhundert zeigt als polnische Aggressoren und die Russen als Opfer, während sich die Verhältnisse zum Zeitpunkt der Komposition um 180 Grad gedreht hatten. Kupfer denkt also, vielleicht nicht einmal fälschlich, weiter und verpflanzt die Handlung in den Zweiten Weltkrieg. Aus Polen werden flugs die deutschen, die dann übrigens auch Deutsch singen, unter anderem “Sieg Heil” im Chor. Das war dann aber auch die einzige Idee und auch die wird nicht klar und deutlich gezeigt – wir sehen keine einzige deutsche/sowjetische Flagge oder Symbole. Halbherzig ist das. Ansonsten kapituliert die Regie vor dem Sujet und lässt Chor und Solisten hilflos auf der bühne auf- und abgehen, wenn nicht gerade mal Soldaten albern Mazurka tanzen, was übrigens in seiner Peinlichkeit an Mel brooks “Frühling für Hitler” erinnert. Das Ende des vierten Aktes war dann derart antiklimaktisch, wie ich es selten auf einer Opernbühne erlebt habe. Es wimmelt von zahlreichen historischen “Übersetzungs”-Fehlern. Die wenigsten Wehrmachtssoldaten konnten Russisch und hätten Sussanin bestimmt kein Geld (!) geboten, um sie zum Versteck zu führen, sondern kurzen (Partisanen-)Prozess mit ihm gemacht. Und hier sind wir beim Knackpunkt: hier führt Sussanin die Polen/Deutschen nicht weg vom Zaren (also Stalin ?),sondern dem Partisanenführer Sobinin. Dieser ist aber Sussanins angehender Schwiegersohn, womit das patriotische Fundament des Stückes negiert wird. Und das ist dann für mich “Thema verfehlt”. Und dafür gibt’s ne Sechs.

Musikalisch wurde das 200 Minuten-Stück auf 125 Minuten eingedampft. Eine Verlustquote, die nur mit Stalingrad vergleichbar wäre. Das ist bedauerlich, denn somit kann der spannende Stilmix kaum zur Geltung kommen. Vor allem bei den Chören dominiert die russische Volksseele, aber ansonsten gibt es wahnsinnig viel Donizetti zu hören. Das Orchester unter der Leitung von GMD Sebastian Weigle ist so unauffällig wie korrekt. Die beiden weiblichen Partien sind aus dem Ensemble besetzt: Kateryna Kasper gibt die Tochter Sussanins mit wunderbar leichtem Sopran ohne Höhenprobleme. Traumhaft. Katharina Magiera in der quasi-Rossini-Hosenrolle (!) des Ziehsohns Sussanins wartet mit einem satten Alt auf. Anton Rositskiy als Sussanin-Schwigersohns singt die vertrackte Arie mit insgesamt sechs hohen c’s (“Ah, mes amis”, ick hör dir trapsen) bombensicher. Leider kann keiner der drei seinen Charakter der Zweidimensionalität entreißen. Für die Titelpartie konnte man John Tomlinson gewinnen. Ich war anfangs skeptisch, aber obgleich der Ex-Wotan vom Dienst nicht wirklich russisch klingt, ist er der einzige, der seine Partie wirklich formt und gestaltet. Voll und rund klingt das nicht immer, aber es ist wiederum auch nicht so als ob man behaupten könnte, Tomlinson kaschiere stimmliche Unzulänglichkeiten durch sein Spiel.

Mein Fazit: Es ist ein szenisch schwieriges Stück. Es wäre besser, es ungekürzt und konzertant gegeben zu haben, was in Frankfurt ja sowieso mit zwei Produktionen gemacht wird. Oder – noch besser: es einem Regisseur anvertraut zu haben, der sich nicht in den Fallstricken der Handlung verheddert. Nur – wer könnte das heute noch ?

Share Button
(Visited 56 times, 1 visits today)

2 Comments

  • Pünktchen says:

    Ach ja – leider haben Sie in vielen Punkten Recht: szenisch ist das nicht der große Wurf (wobei die Bühnenoptik (mit Ausnahme des 2. Aktes) durchaus nicht uncharmant ist…), und die Kürzungen finde auch ich bedauerlich – wobei wir nicht vergessen wollen, dass die Aufführung immer noch über 3 Stunden dauert *.
    Die von Ihnen getadelte ‘Zweidimensionalität’ der Solisten habe ich nicht so stark empfunden, wenngleich sie sicherlich vorhanden ist; allerdings denke ich, dass sie rollenimmanent ist – das Hauptaugenmerk Glinkas lag nun einmal eindeutig auf den Chören. Er hat sich wohl nur nicht getraut, eine Oper ganz ohne die zu der Zeit üblichen Rollenstereotypen zu schreiben. (Eine Oper ohne Liebespaar??? Fi donc!)

    Ich bin gespannt, ob es eine Wiederaufnahme gibt und wer dann die Titelrolle singt…

    * Das Thema hatten wir neulich anderweitig auch schon, gelle?

    • admin says:

      Ja, das Thema Kürzungen hatten wir neulich. Wobei bei Ihrer zeitlichen Rechnung (“3 Stunden”) die Pause mit eingerechnet ist.
      Optisch ist das schon schön anzuschauen, zweifelsohne, nur fühlte ich mich ob dieser Panoramahaftigkeit immer ein wenig an den Salzburger “Rosenkavalier”
      Was die Zweidimensionalität betrifft: ich finde, ein Regisseur sollte möglichst viel aus den einzelnen Charakteren rausholen, auch wenn wenig da ist. Und genau das hat gefehlt.
      Und ja, wer könnte den Ivan noch singen ? Matti Salminen wäre natürlich eine Wucht, aber höchst unwahrscheinlich. Warum nicht Dimitry Ivashchenko oder Alexander Tsymbalyuk ? (Das wären jedenfalls russische Bässe, die mir spontan in den Sinn kommen.) Auch Mikhail Petrenko, obwohl der nicht so mein Fall wäre.