Alessandro nell’Indie / Würzburg (15.11.2015)

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  • November 16, 2015

Anderthalb Tage nach den blutigen Terroranschlägen in Paris eine Inszenierung über die Bühne gehen lassen, an dessen (vermeintlichen) Ende sich die weibliche Hauptperson per Sprengstoffgürtel ins Jenseits befördert ? Bedauerlicherweise handelt es sich hier um eines jener Beispiele, in denen die Realität die Kunst ein- und mittlerweile überholt hat.Regisseur François de Carpentries verpflanzt die ganze Geschichte – wie könnte es anders sein – ins heute Afghanistan, wo ja Alexander damals ja “tätig” war. (Und eben nicht in Indien.) Abgesehen davon ist es eine ziemlich nachvollziehbare, mäßig spannende Sache, was man zu sehen bekommt. Immerhin drückt man sich nicht verschämt um Alexanders Homosexualität. Schade jedoch, dass sich am Ende Alexanders weibliches Liebesobjekt mitten in ihrer Arie in die Luft sprengt – und nach einem kurzen Blackout der Vorhang erneut aufgeht und die Szene erneut gespielt wird, dieses Mal mit lieto fine. Schade, denn so wirkt das Ende doppelt mutlos. Sängerisch überzeugen an diesem Nachmittag vor allem die Herren: Joshua Whitener ist ein attraktiver Soziopath mit heldischem Tenor. Sein Widersacher gab Denis Lakey, über dessen Wiedersehen ich mich sehr gefreut habe, war er doch mein allererster Countertenor vor 15 Jahren (“Ottone” in Ulm). Das Wiederhören war nicht mehr so angenehm, aber immer noch beachtlich. Sopranistin Maximiliane Schweda liefert sich mit Mezzo Sonja Koppelhuber ein hörenswertes Duell um die Gunst des Diktators.
Der Komponist Baldassari Galuppi war mir zuvor kein Begriff. Die Komposition ist nicht sonderlich originell (aber das ist sie im Barock ja des öfteren nicht), fällt aber durch vergleichsweise viele zügige Nummern auf. Dass die Hörner regelmäßig zum Einsatz kommen hat mich natülrich besonder gefreut. Trotzdem ist die Musik weit weg von einem fetzigen Vinci entfernt – sie erinnert eher an den späten Hasse, wo man schon den galanten Stil erahnen kann. Alexis Agrafiotis hält den Laden gut zusammen, was an diesem Nachmittag keine Selbstverständlichkeit darstellt, da Anja Gutgesell aus Krankeitsgründen ihre drei Arien nicht singen kann. Durch die Wiedergabe der Rezitative rettet sie immerhin die Vorstellung, insofern ist man schon froh, dass die dreistündige Anreise nicht gänzlich umsonst war. (Trotzdem: gibt es denn an einer Stadt mit Musikhochschule und einem Opernchor niemand, der die drei Arien vom Blatt singen kann ?)

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