Turandot / Ulm (5.11.2015)

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  • November 6, 2015

Irgendwie putzig sehen sie aus, die beiden rosabäckigen chinesischen Kinder, die lächelnd auf einer bunten Blumenwiese liegen und den Bühnenprospekt der aktuellen Ulmer “Turandot”-Produktion zieren. Wenn, ja wenn nicht vor ihnen ein Maschinengewehr bereit zum Abfeuern läge….. Dieses Bild ist in seiner Ambivalenz bezeichnend für die Szene: Regisseur Matthias Kaiser inszeniert, so scheint es mir, zunehmend vom Optischen her kommend. Und so sehen wir eine gedrängte Parteitagsbühne der Kommunistischen Partei Chinas mit vielen Slogans (“Turandot – die Sonne der Partei”) und Symbolen (in die Luft gestreckte Fäuste). Das ist alles imposant und macht auch Eindruck auf das nahezu ausverkaufte Haus. Allerdings darf man sich nicht zu viel fragen – warum läuft Calaf als Tourist auf dem Parteitag herum, während sein Vater und Gefolge deutlich prekärer gekleidet sind ? Was soll das regelmäßige Herumhantieren mit Puppen in der Gosse während die Haupthandlung sich ganz woanders abspielt ? Kurzum: die Motivation der einzelnen Charaktere treten kaum zu Tage.
Das ist aber zu verschmerzen, weil Ulm an diesem Abend eine musikalische Qualität zustande bringt, wie man sie lange nicht mehr hören konnte. Auch an der Donau wurde das Ensemble deutlich verkleinert, konnte aber einen guten und einen sehr guten Gast aufbieten. Susanne Schimmack, den Ulmern keine Unbekannte gibt die Titelpartie, die ihr nicht richtig in der Kehle liegt, sie aber achtbar bewältigt. Es ist halt eine sehr teutonische, “walkürige” Turandot, die den Effekt mehr durch Anstrengung als Legato erzielt. Da das aber viele Turandots so machen, ist das kein großer Verlust. Mit Eric Laporte als unbekannten Prinzen hat man jedoch einen wahren Glückgriff gelandet – der Kanadier überzeugt durch schiere Kraft (deren Aufwendung man aber hier nicht vernimmt) und Gestaltungswillen. Das dürfte ein interessanter Lohengrin im März werden. Maria Rosendorfsky fliegen als Liu – wie eigentlich bei allen Lius – die Herzen zu. Dabei singt sie die Rolle ungewohnt leichtstimmig, mit einer mozart’schen Einfachheit, die ganz anders zu Herzen geht als sonst.
GMD Timo Handschuh dirigiert extrem flott und (über-)betont die moderne Harmonik der Partitur. Diese “Turandot” klingt mehr nach “Wozzeck” als nach Puccini. Nichtsdestotrotz ein überzeugendes Plädoyer gegen den oft erhobenen Vorwurf, es handle sich bei Puccini um Edelkitsch. Vielleicht entschied man sich auch deshalb gegen das Alfano-Finale. Musikalisch nachvollziehbar, aber dramaturgisch ist der Abbruch nach Lius Selbsttötung für mich irgendwie unbefriedigend. Hier hätte meines Erachtens der Berio-Schluss am besten gepasst.

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