Mefistofele / München (6.11.2015)

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  • November 6, 2015

Ist es Wagemut oder Wahnsinn, Faust I und II in zweieinhalb Stunden Musik zu packen ? Egal wie man es sieht, Boitos Oper ist dramaturgisch so krude wie musikalisch faszinierend. Es hätte in erster Linie also eines fähigen Regisseurs bedurft, der die collagenartig reduzierte Handlung plausibel auf die Bühne bringt. Dummerweise ist Roland Schwab nicht nur nicht fähig, sondern kopiert auf eine derart dreiste Weise, die ihresgleichen sucht. Die riesige Stahlgerüstkonstruktion à la Mad Max ist freilich imposant – aber bei Bietos “Fidelio” hatte das riesige Labyrinth mehr Funktionen und war in das Bühnengeschehen tatsächlich integriert – hier steht es einfach rum, wird nicht einmal richtig bespielt. Besonders auffällig ist das Plagiieren bei der Verwendung des Schallplattenspielers bei der Ouvertüre – man beraubt die Oper um ihre imposanten Eingangsakkorde ohne dass es irgendwie im Bezug zum Geschehen stünde. An den genialen Konwitschny-“Holländer”, der ähnlich endete wie dieser “Mefistofele” begann, möchte man gar nicht denken.  Am schlimmsten ist jedoch die permanente Langeweile – ich wüsste nicht, wann ich das letzte Mal während einer Opernaufführung derart häufig auf die Uhr geschielt habe. Das soll nicht heißen, dass nichts passiert, ganz im Gegenteil, aber letztlich sind vor allem die Hauptdarsteller auf sich allein gestellt. Der anfangs etwas ungenaue, später aber bombastische Chor singt häufig aus dem Off und wird bis auf die Walpurgisnacht darstellerisch eigentlich gar nicht gefordert. Statt dessen bewegt sich die Bühne unentwegt rauf und runter, ergänzt durch Flammen aus dem Boden. Spektakulär, gewiss, aber nach einer Minute schon redundant.

Von den drei Hauptdarstellern überzeugt eigentlich nur Joseph Callejas Faust. Das sehr spezifische Timbre des Maltesers erinnert an längst vergangene Schellack-Zeiten. Calleja ist kein begabter Darsteller, weiß Gott nicht, aber somit erspart er uns die Klischees, die uns Rene Pape serviert. Dessen Porträt des Teufels wirkt in erster Linie unfertig – oder warum hört man nur beim ihm die Souffleuse ? Dieser Teufel ist in etwa so böse wie ein zweitklassiger Vorabendserienschurke. Die tiefen Passagen grummelt er, die hohen bellt er gelegentlich. Sein “Son lo spirito che nega”, eigentlich ein Selbstläufer, ist von ausgesuchter Harmlosigkeit, die mit Anstandsapplaus bedacht wird. Noch enttäuschender war Kristine Opolais als Margherita. Beim ersten Augenblick dachte ich noch “Warum schmachtet denn die Marthe den Faust an ?” – um gleich darauf festzustellen, dass die ältliche, ereignislose Sopranstimme eben nicht Heike Grötzinger, sondern   Frau Opolais gehörte. Bei ihrer großen Arie im dritten Akt brachte das Orchester die Diskrepanz zwischen Gretchens Wahn und Wirklichkeit bestens zur Geltung, während Frau Opolais’ Gesang in erster Linie die Frage aufwarf, ob für diese Besetzung nun ein überfordertes Castingbüro oder eine allmächtige Agentur verantwortlich war. Man weiß es nicht. Allerdings hätte sie auch ohne weiteres, wie ursprünglich auch geplant, die Elena singen können, Karine Babajanyan ist da nicht viel besser.

Wäre als noch das um die Eingangstöne beraubte Orchester unter Omer Meir Wellbers Leitung. Und hier gelingt es vor allem bei den Aktschlüssen ein Dolby Surround vom Feinsten. Nur reicht das einfach nicht mehr, das Steuer herumzureißen.  Dieser “Mefistofele”  ist eine musiktheatralische Titanic. Und wenn sie nicht gesunken ist, dann singen Pape und Opolais immer noch.

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3 Comments

  • Pünktchen says:

    Guten Morgen!

    Vielen Dank für die wie immer sehr witzige Rezension. Aller dings tun Sie dem Komponisten mit der Fragestellung “Ist es Wagemut oder Wahnsinn, Faust I und II in zweieinhalb Stunden Musik zu packen?” ein wenig Unrecht: bei ihrer Uraufführung war die Oper noch mehr als doppelt so lang.

  • admin says:

    Guten Morgen !
    Ist mir bekannt, was Sie schreiben, aber fünf Stunden ist weniger wahnsinnig, da somit mehr Zeit fürs eigentliche Erzählen bleibt. Boito hätte einfach konsequent den letzten Akt weggelassen und somit der Handlung mehr Raum geben sollen. Dann wäre vielleicht so etwas wie ein narrativer Bogen entstanden.

    • Pünktchen says:

      Braucht es denn zwingend immer einen ‘narrativen Bogen’? – Es macht doch gerade den Reiz dieser Oper aus, dass einzelne und sehr unterschiedliche Bilder durch eine ungemein suggestive Musik aufscheinen und – wie in einem Traum – wieder versinken. (Dass die Kenntnis der literarischen Grundlage das Verständnis fördern kann, steht außer Frage; aber das gilt für andere Opern mit zusammenhängenderer Handlung genauso.)