The Greek Passion / Essen (25.10.2015)

  • 1
  • October 27, 2015

Die Inkubationszeit von Musiktheaterproduktionen beträgt mehrere Jahre – zu viel Zeit also lag zwischen der Entscheidung vieler Opernhäuser, eine Martinu-Oper zu dessen 125. Geburtstag zu bringen und der aktuellen Flüchtlingskrise. Viele Häuser entschieden sich für “Julietta”, Essen hingegen lag mit der Wahl der “griechischen Passion” goldrichtig.  Auf einer griechischen Insel erscheinen Flüchtlinge; Landsmänner, die von den Türken vertrieben wurden. Sie stellen eine Bedrohung für den Wohlstand dar und werden am Ende erneut vertrieben – nicht zuletzt vom Dorfpriester. Ein paar Dorfbewohner, die sich ihre Rollen im aktuellen Passionsspiel sehr zu Herzen nehmen, begehren auf, wehren sich gegen die Hartherzigkeit und werden durch gelebtes Christentum zu einer Bedrohung der Institution Kirche. Der Schäfer Manolios muss – wie seine “Bühnenrolle” Jesus – am Ende den Opfertod sterben.

Die aktuellen Bezüge springen einem förmlich ins Auge und die Regie (Jiri Herman) tut gut daran, die Geschichte ohne allzu aktuelle Anspielungen zu erzählen. Gleichwohl gelingt es ihm nicht, die bruchstückhafte Erzählweise, die oft nur angeschnittenen Plots auf der Bühne  zu einem Ganzen zu formen. Beeindruckend ist das cineastisch-breite Bühnenbild, welches aus einer riesigen Mauer und hereinfahrenden Plattformen mit Gras und Wasser besteht. Nicht minder beeindruckend spielt das Orchester unter der Leitung von Tomas Netopil.

Dieses Stück ist ein Ensemblestück. Alle machen ihre Sache gut: die oberflächliche Verlobte Manolios (Christina Clark), der bigotte Priester Grigoris (Almas Svilpa singt ihn mit hohlem Bariton), der lyrische Tenor Michael Smallwood, dessen Yannakos bald von Reue übermannt wird, die Not der Flüchtlinge ausgenutzt zu haben und die Dorfhure Katerina (Jessica Muirhead), die sich magisch von Jesus/Manolios (Jeffrey Dowd als in darstellerischer Hinsicht etwas zu grüblerischer Schäfer). Und natürlich die stimmgewaltigen Chöre, die sowohl die sakralen als auch die profanen Elemente der Partitur präzise herausarbeiten.

Am Ende betätigt Katerina erneut die riesige Kirchenglocke. Während sie zu Beginn des ersten Aktes dröhnend-warme Klänge von sich gab, ist sie nunmehr verstummt. In dieser Stille liegt das vielleicht stärkste Bild des vorgestrigen Abends.

Share Button
(Visited 43 times, 1 visits today)