Hänsel und Gretel / Heidelberg (24.10.2015)

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  • October 24, 2015

Woran kann man mittlerweile überhaupt noch erkennen, wann Weihnachten droht ? Schnee ist schon längst kein Indikator und seitdem Supermärkte ihre Schokonikoläuse im September ins Regal stellen ist jeder Zeitbezug verloren gegangen. Wie schön, dass es noch Opernhäuser gibt, denn anstehende “Hänsel und Gretel”-Aufführungen sind der nunmehr letzte Hinweis auf das Christenfest.

Das Wort “schön” entfuhr auch meiner unruhigen, quasseligen, wasserstoffperoxid-blonden Nebensitzerin schon bei der in Szene gesetzten Ouvertüre. Wer mich kennt, weiß, dass ich mit Humperdinck generell und mit diesem Stück besondere Probleme habe. Schwer zu sagen, warum, aber meiner Nebensitzerin verdanke ich nun immerhin die Erkenntnis, dass das großbürgerliche Delektieren (Oper allgemein) an sozialem Elend (dieses Stück) besonders dann unerträglich wird, wenn es auf diese harmlose Weise (Regie) auf die Bühne gebracht wird. (Wer hätte gedacht, dass in mir ein kleiner Marxist wohnt ?) Dabei macht Regisseurin Clara Kalus und ihr Team nichts, aber auch gar nichts falsch. Jedenfalls nichts, was dem Publikum missfallen würde – oder wann haben Sie, verehrte Leser, zum letzten Mal eine Premiere erlebt, bei der die “drei Schwarzen” am meisten Applaus einheimsen ? Na also. Das Publikum goutierte die schönen Kostüme, das wandlungsfähige, schöne Bühnenbild und die schönen Kostüme. Genug der Ironie. Die Personenführung ließ keine Langeweile aufkommen und etwas zu gucken gab es immer. Die Kinder vor mir waren jedenfalls viel konzentrierter bei der Sache als die premierenabonnierte Scheintotfraktion in der Reihe hinter mir. Das spricht für sich. Das Orchester unter der Leitung von Dietger Holm besaß Delikatesse und macht Lust auf den anstehenden “Holländer.”

Eine Krux bei dieser Märchenoper ist die Verständlichkeit der Sänger – und die war bis auf den Hänsel von Elisabeth Auerbach, die sonst sehr ansprechend sang, nicht wirklich gegeben, obgleich sie sich alle redlich mühten. Irina Simmes sang den Sand- und Taumännchen vorzüglich, James Homann, der mir beim “Figaro” unerwartet gefallen hatte, legt hingegen wieder diesen hohlen Bariton an den Tag, der für seinen Holländer nichts Gutes verheißt. Das Heidelberger Urgestein Carolyn Frank keift als Mutter im gleichen Maße, wie sie es als Hexe tut – in letzterer Rolle kann sie ihre Qualitäten als Rampensau toll ausleben. Ziemlich gewagt bis fragwürdig ist die Besetzung der Gretel mit Hye-Sung Na. Es dürfte sich wohl um eine der wenigen Sopranistinnen handeln, die vor der Gretel eine Tosca am selben Haus sangen. An einem großen Haus mag das gut gehen, hier ist die Stimme einfach zu voluminös, zu üppig für die benötigte Feinzeichnung eines Mädchens.

Fazit: für Familien und herzlose Turbokapitalisten bestens geeignet.

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