Le prophète / Karlsruhe (18.10.2015)

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  • October 19, 2015

Radikale Wiedertäufer im Münsterland und der klangvolle Titel “Der Prophet”- dabei könnte es sich auch um einen kuriosen ARD-Tatort aus Münster handeln. Allerdings hat hier nicht die ARD, sondern Giacomo Meyerbeer seine Finger im Spiel. Gleichwohl hat der religiöse Hintergrund der Geschichte wenig Bedeutung, der politische Charakter dominiert. Die Handlung erinnerte mich auch an den Klassiker Manchurian Candidate, wird doch ein Jedermann von religiösen Fanatikern, die hier wie verirrte Zeugen Jehovas durch das Vorstadtghetto auf der Suche nach zu bekehrenden Seelen irren, instrumentalisiert, um die eignen und sehr politischen Ziele durchzuführen.Regisseur Tobias Kratzer lässt das Ganze auch nicht in den Reformationswirren des 16. Jahrhunderts, sondern in den Banlieus spielen, wie wir sie aus großen französischen Metropolen  kennen. Ansatzweise erkennt man auch das US-amerikanische Ferguson wieder, wo sich die Polizei als Unterdrücker des urbanen Migrationsprekariats geriert. Das ist für mich nicht ganz logisch, aber es trägt stark zum Verständnis der Entstehungszeit, als der Mitte des 19. Jahrhunderts bei. Kratzer hält sein Konzept bis zur zweiten Pause durch, allerdings hat dann der vierte Akt eher mit einer evangelikalen Megachurch aus den US-Staaten zu tun. Dass ist allerdings kein Drama, denn hier beginnt nach all den vielen Tableaus endlich die Behandlung der individuellen menschlichen Dramen. Im Großen wie im Kleinen gelingt es, die Spannung aufrechtzuerhalten – selbst bei dem häufig so dezent gestrichenen Ballett im Akt zuvor ! Hier sehen wir Breakdancer – an sich vielleicht etwas anbiedernd an den Zeitgeist (aber also ob es das damalige Ballett nicht gewesen wäre !) – doch derart musikalisch und physisch beeindruckend, dass es eine wahre Freude ist. Doch, man kann grand opéra wirklich groß machen, ohne dass es schal und leer wirkt. Und das ist vielleicht die spannendste Erkenntnis, auch wenn man nicht mit jeder Szene der Inszenierung d’accord gehen möchte oder kann.

Musikalisch gibt es hier in meinen Ohren mehr Eingängiges als noch beim “Vasco da Gama” vor zwei Wochen. Sicher, manches klingt etwas platt, mehr als einmal meint man, Lortzing zu hören. Vielleicht liegt es auch am Dirigat, obgleich der Abend zunehmend auch an orchestraler Dichte gewinnt und spätestens im vierten Akt mitreißend  gespielt wird. Kompliment an Johannes Willig, der im vierten Akt die Nerven behielt, als der Tontechniker nicht die Orgel zuschaltete und die Fidès von Ewa Wolak kurz ohne Musik auf der Bühne stand.

Überhaupt ist dieser Abend nichts weiteres als ein persönlicher Triumph für die Karlsruher Kammersängerin. Welch kräftiger, pastoser Alt mit einer formidablen Höhe und bemerkenswerter Agilität bei den Koloraturen. Sicher, Wolak greift mehr als einmal auf altmodische Gesten zurück, aber so eine Sängerin müsste eigentlich doch schon längst eine Solo-CD haben. Gleiches gilt für Ina Schlingensiepen, die ihre Berthe mit flexiblem wie stimmstarken Sopran ausstattet. Marc Heller hält sich als Jean anfangs zurück, was angesichts der zunehmenden Anforderungen zu verkraften ist. Auch hier eine wirklich solide Leistung – ob da die B-Besetzung (Giovanna Lanza, Agnieszka Tomaszewska, Eric Fenton) mithalten kann ? Kleinere Abstriche müssen die Hörer machen, für die Idiomatik wichtig ist. In den kleineren Rollen hat Armin Kolarczyk als despotischer Oberthal leider zu wenig Möglichkeit sein Potential zu entfalten. Von den drei Wanderpredigern gefällt vor allem Matthias Wohlbrecht. Ebenso ein Genuss sind die bestens einstudierten Chöre.

Der Applaus am Ende war trotz (oder ja vielleicht sogar wegen) der 4:20 Stunden wohlwollend für die Regie und enthusiastisch für das Hauptdarstellertrio.  Und das absolut verdient !

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