Turn of the Screw / Zürich (11.10.2015)

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  • October 11, 2015

“Warum ist das denn so leer?” fragte mich die nette alte Dame neben mir. Nachdem ihre im Schwytzerdütschen gestellten Idiom dechiffriert hatte, konnte ich ihr allerdings immer noch keine Antwort geben. Okay, Britten ist weder Straßenfeger noch Gassenhauer, aber eine gefühlte Auslastung von unter 50 Prozent bei derart moderaten Preisen – es handelte sich um eine sog. “Volksvorstellung, wo man maximal 75 Franken für eine Karte hinlegt – lässt einen die bange Anschlussfrage stellen, wie gering das Haus wohl an einem Werktag zu regulären Preisen (bis 200 Fränkli) ausgelastet sein mag…..

Nun, jeder, der dieser Vorstellung fernblieb, hat etwas verpasst. Schon der Aushang zeigt zwar, dass die Regie (Jan Eßinger, nach einer Konzeption von Willy Decker) nicht unbedingt unter einem günstigen Stern stand, aber es finden sich dennoch einige Momente, die einem das Blut in den Adern gefrieren (“The Piper Song” – hier entsteigt kurz nach Miles Peter Quint der Badewanne) und an der Glaubwürdigkeit der Gouvernante zweifeln lassen. Ansonsten ist das Bühnenbild nüchtern gehalten, was sich ein wenig mit dem Dirigat Constantin Trinks’ beißt. Dieser sucht – und findet – das klangliche Grausen nicht in den Tönen der Moderne, sondern vielmehr im viktorianisch-“romantischen” Klangbild. Wir hören also eher einen Henry James als einen genuinen Benjamin Britten, aber solange das so packend musiziert wird, ist das völlig egal.

Die beiden Kinder – und für dieses Stück braucht man meines Erachtens Kinder und keine Countertenöre oder Soubretten – machen ihre Sache sehr ordentlich, obgleich ich in diesen Partien schon überzeugendere Leistungen gehört habe. Beide sind jedoch Muttersprachler, was dem Hörgenuss zuträglich ist. Giselle Allen präsentiert eine zombieartige, inbrünstige Mrs. Jessel, Diana Montague strahlt als Haushälterin auch stimmlich viel Wärme aus. Spannend und anfangs etwas ungewöhnlich die Besetzung des Peter Quint mit Pavol Breslik. Allerdings möchte ich nach dieser Darbietung so schnell keinen anderen mehr in dieser Rolle hören, zeigt das neue Ensemblemitglied mit seinem feinen Mozarttenor doch eindrücklich, worin die vokale und auch optische Verführungskraft des verstorbenen (?) Dieners besteht. Ein Ereignis seinesgleichen ist Layla Claire als neue Gouvernante, die mit einem derart lyrischen Sopran aufwartet, dass man sich nicht satt hören kann. Für eine “Zauberflöte” oder “Carmen” fahre ich in der Regel nicht weit, aber würde Frau Claire die Pamina oder Micaela singen, müsste ich glatt eine Ausnahme machen.

 

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