Opernostrakismos

  • 3
  • October 8, 2015

“Kindergarten”. Meinte jedenfalls Lukas, als wir das Thema Scherbengericht im Geschichtsunterricht letztes Schuljahr behandelten. “Wenn jeder irgendjemand aufschreibt, reichen ja vielleicht nur drei, vier Stimmen, und der muss dann für zehn Jahre weg.”

Nun hat die alljährliche Auszeichnung der Fachzeitschrift “Opernwelt” auf den dersten Blick wenig mit einem Scherbengericht zu tun, ganz im Gegenteil. Ein Kindergarten ist es trotzdem. Und das nicht zuletzt, weil es auf dem selben Prinzip beruht, wie das attische Scherbengericht oder auch – etwas aktueller – das britische “first past the post”-Wahlsystem. Es reichen nämlich drei, vier Stimmen von 50 Musikkritikern, deren Reiseradius oftmals im zweistelligen Kilometerbereich zu liegen scheint. Die Grenze zwischen Lokalpatriotismus und Betriebsblindheit schwindet hier zunehmend. Und so ist es kein Zufall, dass es zwei Opernhäuser “erwischt”, die in einem eher dicht besiedelten und somit auch publizistisch gut abgedeckten Landstrich unserer Bundesrepublik die den Titel “Opernhaus des Jahres” einheimsen dürfen. Selbst wenn man in Dresden das spannendste Musiktheater überhaupt zum Besten gäbe – ein, zwei lokale Kritiker sind machtlos gegen die geballte Rhein-Main-Neckar-Ecke. Und von Diaspora-Häusern in der norddeutschen Steppe ganz zu schweigen.

Aber auch aus  anderen Gründen fällt es mir zunehmend schwer, diese Auszeichnung ernst zu nehmen. Kann man München ernsthaft mit Münster vergleichen ? Oder Coburg mit Köln ? (Immerhin kann man sich in erstgenannter Stadt darauf verlassen, dass gespielt wird.) Häuser, deren Budget – überspitzt formuliert – dem Bruttosozialprodukt eines Dritte-Welt-Landes in Schwarzafrika entsprechen (und dementsprechend autokratisch geführt werden) mit Häusern, die kontinuierlich vorm finanziellen Kollaps stehen ? Wohl kaum.

Freilich, Auszeichnungen sind wichtig, unabhängig davon, wie “gerecht” sie sind oder wie transparent sie zustande kommen. Ein Intendant kann sich leichter gegen sparwütige Kulturbürokraten wehren, wenn “sein” Haus Nennungen oder gar Auszeichnungen des führenden deutschsprachigen Magazins erhält. Hier ist jedes Mittel recht. Und dennoch – was ist mit all den Häusern, die seit Jahren nicht genannt werden ? Sei es, weil es keinen ICE-Haltepunkt gibt oder keine in staubigen Archiven ausgebuddelte Partitur auf die Bühne gebracht wird ? Die dürfen sich anhören, dass andere Häuser regelmäßig, das eigene jedoch keine Nennung, geschweige den Auszeichnung erhält.

Man kann nun unterschiedlicher Meinung sein, ob Mannheim und Frankfurt diese Auszeichnung verdient haben. Gerade bei Mannheim sehe ich diese Entscheidung kritisch. Ich war letzte Spielzeit fünf Mal in der Quadratstadt und kann mich an keinen besonders herausragenden Opernabend erinnern. Solide war alles, keine Frage, aber Opernhaus des Jahres eben auch nicht. Und Frankfurt ? Für Frankfurt ist die Presse ja schon seit längerem voll des Lo(e)bes und das nicht mal zu Unrecht. Auch in der letzen Saison konnte man manch Lohnenswertes hören und sehen, aber regietechnisch ist Frankfurt eigentlich nur noch gefällig. Oder ist es Zufall, dass ausgerechnet die Wiederaufnahme der “Frau ohne Schatten”, neun Jahre nach der Premiere, die überzeugendste szenische Leistung meiner sieben Besuche war ? Sängerisch hat man – das ist neidlos anzuerkennen – ein Ensemble und eine Art Gästenetzwerk, das sehr überzeugend ist. (Allerdings bilde ich mir, dass so manche Zweitserie ansprechender besetzt ist als die Premierenserie.)

Okay, aber wenn nicht Mannheim und nicht Frankfurt, wer denn dann ? Jetzt muss ich wohl Farbe bekennen und tue dies gerne, wohl wissend, dass mein Opernhaus des Jahres Achselzucken und/oder Fragezeichen, in jedem Fall aber Widerspruch evozieren wird. Mein Opernhaus des Jahres ist jottwede, in Kaiserslautern. Schon seit Jahren hat diese kleine Stadt ein Opernhaus, dessen Programm sensationell wagemutig ist, ohne dass es dabei gezielt Effekt heischen möchte. So gab es letzte Spielzeit dort die polnische Nationaloper “Halka”, zum Schreker-Jubiläum “Irrelohe” und – unerwartet politisch und heutig – den “Friedenstag” von Richard Strauss. Zudem kann man dort ein Orchester hören, das in der Spätromantik und im frühen 20.Jahrhundert bemerkenswert versiert aufzuspielen weiß. Auch ein Verdienst langjähriger Zusammenarbeit mit dem GMD Uwe Sandner.

Was bleibt also von der diesjährigen Wahl des Opernhaus des Jahres ? Zum einen der dringende Wunsch, dass alle Kritiker mindestens drei, vier Häuser angeben sollten, um das Ergebnis etwas nachvollziehbarer zu gestalten. Und zum anderen – Kritiker, auf in die viel geschmähte Provinz! Denn wo, wenn nicht hier, gibt es noch Stimmen, die langsam an den an sie gestellten Aufgaben gewachsen sind (und dann in zehn Jahren eventuell in Berlin zu hören sind) und Inszenierungen, die etwas wagen können, weil die Hauptdarsteller nicht erst zur Bühnenorchesterprobe anreisen ?

Share Button
(Visited 126 times, 1 visits today)