Vasco da Gama / Berlin (4.10.2015)

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  • October 7, 2015

So leid es mir tut: Die Meyerbeer-Renaissance ist schön und gut, aber weiß Gott nicht jedes Werk seiner Werke ist so genial wie die “Hugenotten”. Wie auch beim “Robert le diable” konnte ich mit der Musik hier eher wenig anfangen. Ich möchte nicht mal das Wagner’sche Diktum von der “Wirkung ohne Ursache” bemühen, denn die Musik machte auf mich nicht einmal viel Wirkung. Man ahnt beim Hören zwar “Aha, das ist jetzt wohl eine Arie”, aber die Musik hat vor allem in den ersten beiden Akten etwas Beiläufig-Unfertiges, dass man sich mehr Striche gewünscht hätte. Und das hat bestimmt nicht am Dirigat Enrique Mazzolas gelegen. 

Dass es trotzdem ein in akustischer Hinsicht kulinarischer Abend wurde ist der Besetzung zu verdanken. Nino Machaidze als Ines kann mit einem dramatischen Koloratursopran aufwarten, Clemens Bieber wiederum mit einem geschmackvoll-biegsamen Tenor (Don Alvar). Stimmfachkollege Roberto Alagna in der Titelpartie wurde angesagt und man merkte seine Indisposition zu Beginn der Kerkerszene (2.Akt) und seiner großen Arie im vierten Akt etwas. Gleichwohl – Stimmkraft, Höhensicherheit und idiomatische Tongebung formen eine Leistung, die Bewunderung hervorruft. Der Auftrittsapplaus (!) war jedenfalls verdient.  Publikumslieblinge waren an diesem Abend jedoch andere: Sophie Koch hat für einen Mezzo eine strahlende Höhe um die sie so mancher Sopran beneiden durfte. Ich fand ihren Octavian gelegentlich etwas blass – hier war jedoch nichts davon zu spüren. Ihr Tod unter dem Manzanillobaum hatte große Klasse. Noch mehr Begeisterung erwarb sich Ensemblemitglied als Nelusco – anfangs mit giftig-galliger Attitüde, später dann mit einem weichen, warmen Tonfall, der zu Herzen geht. Eins A !

Die einzig (negative) Überraschung war die nichtssagende, plakative Regie von Vera (und Sonja) Nemirova. Dass ausgerechnet sie sich mit dem bloßen Bebildern des Geschehens begnügt, das war nicht zu erwarten. Es scheint so, als ob die Vergewaltigung der Nonne (in Strapsen) und das Gemetzel der Inder an der Schiffsbesatzung am Ende  des dritten Aktes ein letzter Versuch war, Aufmerksamkeit zu erheischen. Die paar Buhs kamen dann auch prompt. Nein, an die geniale Oliver Py-“Hugenotten” darf man da nicht denken. Eigentlich eine Arbeit, wie man sie auch  an jedem x-beliebigen Dreispartenhaus in der “Provinz” sehen könnte.

Fazit: wer Meyerbeer mag, kommt hier bestimmt auf seine Kosten. Wer sich von der Regie neues Input, gar Impulse für das Genre der “grand opera” erhoffte, wird bitter enttäuscht.

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2 Comments

  • Honigsammler says:

    Vielen Dank Herr Kaspar für die Berichte aus Berlin. Sängerisch scheint das sehr spannend gewesen zu sein, aber ich bin mal gespannt, ob Tobias Kratzer mit Meyerbeers Prophet in Karlsruhe (wie auch bereits mit den Meistersinger 2014) nicht die bemerkenswertere Inszenierung präsentiert.
    Wissen Sie, wie viel gekürzt wurde? Wie viele Stunden ging denn dieser Vasco? Was fehlte denn zur Grand Opéra? Pomp, Ballett oder Effekte?

    Bzgl. Grand Opéra: Dramaturg Boris Kehrmann, der in Karlsruhe den Propheten betreut (und zuvor in Chemnitz Vasco da Gama ) hat hervorgehoben, daß die vier großen Meyerbeer-Opern solitär sind, in jeder erkundet und formuliert der Komponist ein anderes Modell: „Robert ist Weber-Nachfolge, Hugenotten Volksdrama, Prophet Musikdrama, Vasco lyrische Tragödie“.

    • admin says:

      Lieber Honigsammler,

      ich fand Herrn Kratzers “Meistersinger” genial, seine “Hugenotten” in Nürnberg waren interessant, gingen für mich aber nicht ganz auf. Man darf in Karlsruhe jedenfalls wieder mal gespannt sein. Die Zuteilung (Boris Kehrmann) ist interessant, damit muss ich mich mal in einer ruhigen Minute beschäftigen.
      Ich bin kein Meyerbeer-Kenner. Die cpo-Aufnahme aus Chemnitz dauert 4:15h. In Berlin begann die Aufführung um 17h und endete um 21:50h. Zieht man die beiden Pausen ab, so würde ich tippen, dass maximal eine halbe Stunde gestrichen wurde. Ich habe die Inszenierung, insbesondere die ersten beiden Akte, als sehr nüchtern wahrgenommen. Gen Ende gibt es dann mehr optischen Pomp, aber eben auf eine erschreckend folkloristisch-naive Weise. Etwas Ballett gab es auch, aber nichts, was in Erinnerung bleibt. Da fand ich die “Afrikanerin”, also die Variante von “Vadco da Gama” in Würzburg irgendwie runder. Und das ist, bei der grand opéra vielleicht das schwierigste: eine Handlung “larger than life” zu zeigen, ohne dass es ins Lächerliche, Effekthascherische oder Klischeehafte kippt. Wer das grandios gemacht hat, war Oliver Py in Strasbourg. Diese Hugenotten haben mich verdorben – seitdem konnte keine grand opéra, mit Ausnahme der “Jüdin” in Stuttgart, mich derart begeistern.