Der Zwerg + Gianni Schicchi (Premiere) / Mainz (19.9.2015)

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  • September 20, 2015

Zeitgleich mit Kaiserslautern gab es in Mainz die Premiere eines meiner absoluten Lieblingsopern – Zemlinskys “Zwerg”; im Gegensatz zu Kaiserslautern (dort mit “Herzog Blaubarts Burg gekoppelt) allerdings in der etwas merkwürdigen Kombination mit “Gianni Schicchi”. Mir erschloss sich diese Paarung bis zum Ende nicht und die Wahl gleich zweier Regisseure trug nicht zum Eindruck bei, dass hier in einem dramaturgischen Bogen geplant wurde. Das soll aber keinesfalls heißen, dass der Abend verschenkt gewesen wäre. Ganz im Gegenteil.

Rebecca Bienek hat nämlich den spannenden Gedanken, dass die Infantin während des großen Erkennnismonologs des Zwerges ihre schickes Kostüm samt Perücke ablegt und dem Zwerg ihr eigenes hässliches Ich zu offenbaren gedenkt, dann aber doch zurückschreckt. Marie-Christine Haase singt die kindlich-grausame Prinzessin mit leichtem, unbeschwertem Sopran, was die Hartherzigkeit der Rolle noch unterstreicht. Unglücklicherweise muss sich Alexander Spemann in seiner großen Szene ständig umdrehen, wenn er sich im Spiel betrachtet. Somit macht die Szene ihm das Leben noch schwerer als es die Partitur bereits tut. Spemann, die sonst so bewährte Mainzer Heldentenorwaffe, zeigt sich ungewohnt blass, phasenweise überfordert. Lag die Partie einfach zu hoch oder war es der Abendverfassung geschuldet ?

Im zweiten Teil gibt es dann Humor vom Feinsten. Es gibt viel zu Lachen, zum Schmunzeln, aber nie buhlt K.D. Schmidts Regie um allzu billige Lacher. Grandios der Video-Einspieler bei Rinucchios Arie (Philippe Do singt mit viel Schmelz und Charme), wo statt Florenz lauter bewegte (und weinselige !) Bilder von Mainz statt eben Florenz zu sehen sind. Peter-Felix Bauer in der Titelpartie hat vielleicht die Rolle seines Lebens gefunden. Sein Unterschichts-Italiener hat definitiv Erinnerungswert. Ansonsten ist jede, aber wirklich jede Rolle ist typgenau gecastet. Besonderen Eindruck hinterlässt Dorin Rahardja mit dem nicht tot zu kriegenden “Babbino”-“Schlager”.

Bleibt als einzig verbleibende Klammer der beiden Teile das Orchester. GMD Hermann Bäumer zeigt im “Zwerg” auf, wo Zemlinsky anknüpft. Man hört Mussorgskys “Gnom” beim Auftritt des Zwerges, die Blumenmädchen des “Parsifals” beim Damenchor und vieles mehr. Im zweiten Teil folgt dann italienischer Wohlklang, den man nördlich der Alpen auch nicht immer so hören kann.

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4 Comments

  • Heiko Börner says:

    Lieber Opernschnipselautor,

    Sie sollten mit einer vergleichsweise schweren Waffe wie diesem Blog etwas verantwortungsvoller umgehen.
    Alexander Spemann hier etwas wie Krankheit oder gar stimmliche Krise anzudichten, ist im Zusammenhang mit der Partie des Zwerges Unfug.
    Die Partie gilt als eine der schwersten der Opernliteratur, leichte hohe Tenöre kommen klanglich nicht über das Orchester, schwere Heldentenöre haben
    naturgemäß Probleme mit der Höhe.
    Alexander Spemann gehört zu den seit Jahren zuverlässigen und auf hohem Niveau singenden Vertretern des Heldentenorfaches, Chapeau.
    Bitte wählen Sie die Worte nicht so schädigend, denn Ihr Blog taucht in Suchmaschinen auf und Begriffe wie Stimmkrise sind für einen Sänger tödlich.
    Schönen Gruß vom Zwerg aus Kaiserslautern

    Heiko Börner

    • admin says:

      Hallo Herr Börner,

      und entschuldigen Sie, dass ich mich erst jetzt melde, ich war dienstlich unterwegs und hatte keine Zeit zum Freischalten der Kommentare bzw. Beantworten.
      Da Sie am selbigen Abend den Zwerg in Kaiserslautern gesungen haben (auf den ich mich übrigens schon freue), werden Sie die Leistung Ihres Kollegen nicht gehört haben können. Und die war wirklich nicht gut. Um ehrlich zu sein, war es die schlechteste Darbietung dieser Partie, die ich jemals gehört habe. (Insgesamt waren es nur vier Interpreten.) Genau das hat mich überrascht, denn ich kenne Alexander Spemann aus aus all den “Wagnerbrocken”-Partien, die er ausnahmslos gut gemeistert hat. Mainz konnte sich glücklich schätzen, so jemand im Ensemble gehabt zu haben.

      Aber da ich schon einmal einen Sänger “an der Strippe” habe, würde ich Sie gerne etwas fragen, zumal schon bei meinem Eintrag zu “Pique Dame” ein anonymer Schreiber ähnlich wie Sie argumentiert hat. Ich höre regelmäßig als Erklärung/Entschuldigung für schwache Leistungen, die jeweils gesungene Partie sei “eine der schwersten der Opernliteratur”, wahlweise auch “undankbar”. Das hört und liest man über so ziemlich viele Wagner- und Strauss-Rollen, Otello, Des Grieux und wasweißichnochalles. Sie haben beim “Zwerg” ja selber erklärt, wo die Schwierigkeit dieser Partie liegt. Und somit kommt meine erste Frage: warum besetzt man dann jemand, der sich mit dieser Rolle derart schwer tut ? Oder, andersrum gefragt: warum setzt ein Theater ein Stück an, dessen Titelrolle, es nicht adäquat besetzen kann ?

      Meine zweite Frage wäre dann, wie ich in dann in Worte fassen soll, was nicht nur für mich, sondern in unserer Runde am Premierenabend der gemeinsame Nenner war: Alexander Spemann war einfach nicht gut. Wie schreibe ich das, ohne dass ich ich in irgendeiner Weise dem Künstler schade, ohne aber dabei um den heißen Brei herum rede ? Viele Leser hat dieser Blog nicht. Ich denke auch nicht, dass Herr Spemann hierdurch ein Schaden entsteht. Aber Sie haben Recht – an die möglichen Konsequenzen meiner Formulierung habe ich nicht gedacht. Ich werde sie abändern. Und zwar einfach deshalb, weil ich einer der Letzten bin, die einem Sänger irgendetwas Böses will bzw.Schaden zufügen möchten.

      Mit besten Grüßen,
      Florian Kaspar

  • Heiko Börner says:

    Hallo Herr Kaspar,
    zunächst einmal vielen Dank, dass Sie sich der Kritik an der Kritik stellen.
    Natürlich darf man schreiben, dass man von einer sängerischen Leistung nicht überzeugt ist, auf die Wahl der Worte kommt es da meist an. Es ist für einen Nichtsänger natürlich schwer nachzuvollziehen, warum unter Umständen eine nicht so pralle Leistung unter Premierenumständen zustande kommt. Da ist zum einen die schwere Partie, im Falle des Zwerges wäre also die eierlegende Wollmilchsau gefragt (leichte lyrische Höhe und dann der heldentenorale Schalldruck für die dramatischen Ausbrüche), zu anderen das Finale eines Probenprozesses, der mit täglich laufenden mehrstündigen Proben mit Orchester die Beteiligten bis zwei Tage vor der Premiere total aussaugt. Ist man dann am Tag der Premiere mal kräftemäßig nicht ganz auf der Höhe, wird vielleicht noch von einer banalen Irritation der Schleimhäute gequält, kann so ein Abend den tollsten Sänger aushebeln. Alle Sänger, groß wie klein, haben das schon erlebt. Dann ist eine Grenzpartie, von denen es tatsächlich einige gibt, nur noch schwer machbar. Der Begriff der Grenzpartien oder “kaum machbaren” Partie ist natürlich eine sehr individuelles Erleben. Was sie alle verbindet ist der Umstand, dass dies meist fächerübergreifende Partien sind, heißt, es werden Anforderungen an mehrere Typen von Sängern in einer Person gestellt. Hinzu kommt die gestiegene Intonation der Orchester seit Entstehung der Werke verbunden mit dem insgesamt deutlich höheren Lautstärkepegel der Klangkörper (nicht nur aus stilistischen, sondern auch aus technischen Gründen).
    Natürlich sollen und müssen diese Stücke auch weiterhin gespielt werden , es wird aber auch schwerer entsprechende Sänger zu finden.
    Warum wird denn der Zwerg so selten gespielt, warum so selten die Trojaner, wie schwer ist es heute adäquat einen Ring zu besetzen?
    Ich möchte Sie dafür gewinnen, mit Ihrem Blog (dessen Macht Sie scheinbar wirklich unterschätzen) sehr gewissenhaft und mit einem Blick für die großartige Leistung, die Sie meist auf der Bühne erleben, umzugehen und bereit sind zu akzeptieren, dass auch ein sonst toller Sänger mal einen schlechten Tag hat, für ihn selbst ist es ohnehin ein unvorstellbar großer Stress.
    Ich wünsche Ihnen jedenfalls viele schöne Opernerlebnisse

    Einen schönen Gruß sendet Heiko Börner

    • admin says:

      Hallo Herr Börner,

      haben Sie vielen Dank für die Einblicke, die Sie gewähren. Theoretisch sind sie mir bewusst, aber sie von einem Profi wieder einmal zu hören, lässt das eine oder andere geschriebene Wort in einem anderen Licht erscheinen. Woran es nun konkret lag, dass mich die Leistung von Herrn Spemann nicht beeindruckt hat, vermag ich freilich nicht zu sagen. Das könnte wohl nur ein Experte. Und das bin ich – bei aller Leidenschaft – eben nicht.

      Vielleicht noch zum “Zwerg” eine Anmerkung: Den besten Interpreten dieser Rolle konnte ich vor 15 Jahren in Sankt Gallen hören – leider fällt mir der Name nicht mehr ein. Er war dort überwiegend fürs italienische Fach engagiert. Ungewohnt, aber furios. Die beiden anderen Sänger waren “klassische” Charaktertenöre – keiner war mit einer “schönen” Stimme gesegnet, aber die stimmliche Darbietung war in technischer Hinsicht solide.

      Ihnen weiterhin alles Gute und toi toi toi !

      Florian Kaspar