Le nozze di Figaro / Heidelberg (18.9.2015)

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  • September 19, 2015

Einen schmissigen Auftakt in die neue Spielzeit gab es am Theater Heidelberg – und einen erneutes Argument für gepflegte und gelebte Ensemblekultur.

Aus musikalischer Sicht gibt es jedenfalls wenig zu kritisieren und viel zu loben: Wilfried Staber als fast schon heldisch auftrumpfender Basilio (der optisch kurioserweise stark an den Vorgängerintendanten Bernd Spuhler erinnerte), Carolyn Frank lässt ob ihres engangierten Spiels ihre vokalen Unzulänglichkeiten als keifend-grelle Marcellina nahezu vergessen, der von mir nicht sonderlich geschätzte James Homann trifft genau den richtigen Ton für den Figrao, seine Susanna Rinnat Moriah trägt ungewohnt kautzige, aber nicht weniger liebenswerte Züge und besitzt eine sehr angenehme Stimme. Ungewohnt besetzt war der Cherubino – der Countertenor Kangmin Justin Kim klingt gar nicht wie die meisten seiner Stimmfachkollegen und hat in seiner Darstellung sehr feminine Züge, womit die intendierte Geschlechterambivalenz auf interessante Weise aufrecht erhalten wird. Ipča Ramanović war schon allein aufgrund der Kostümierung eher ein Geck als ein Graf, was ihn jedoch nicht davon abhielt, mit seinem “Hai gia vinta la causa” die beste Ariendarbietung zu liefern. Es war schön, als Gräfin endlich einmal keine quasi-Susanna zu hören. Irina Simmes hat eine bemerkenswerte Kraft, fast schon zu viel für das kleine Heidelberger Haus. Dennoch eine wunderbare, anrührende Leistung.

Die Regie (Nadja Loschky) lässt die Handlung in einer Art Parteizentrale spielen – Holzvertäfelungen und Immergrün dominieren. Erstaunlich, wie es gelingt, eine Handlung, die ja in einem ganz bestimmten Kontext verorten werden muss, zu “verpflanzen” und dennoch sinngemäß wiederzugeben. Die Charaktere sind Archetypen des Großraumbüros und sehr individuell gezeichnet (Cherubino als Liftboy, Basilio als Aktenschredderer, Gräfin als First Lady, Susanna als Sekretärin, etc.). Was fehlt, sind die vielen Ambivalenzen: mag Susanna den Grafen vielleicht doch mehr als man glaubt ? Man weiß es nicht. Aber das ist weiß Gott kein Grund, dieser Produktion fernzubleiben.

Besonderes Augenmerk verdiente an diesem Abend der neue und recht junge GMD, Elias Grandy. Nachdem der letzte Chef für Unmut sorgte, scheint die Wahl des grundsoliden Kapellmeisters aus Darmstadt eine gute Wahl zu sein. Schmissig, umsichtig und vielschichtig führte er durch die geniale Partitur. Und weit überzeugender als es vor zwei Monaten sein Kollege im großen Mannheim tat.

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