Il Germanico / Innsbruck (16.8.2015)

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  • August 17, 2015

Ein Riss geht durch die Familie des germanischen Fürsten Segeste. Dieser hat sich fünf Jahre nach der gewonnenen Varusschlacht, die römische Übermacht und Dominanz allerdings antizipierend, mit dem römischen Feldherren Germanico verbündet. Die eine Tochter (Ersinda) ist dem römischen Soldaten Cecina zugetan, die andere (Rosmonda) mit dem einst siegreichen, nunmehr aber unterlegenen Armino (Hermann) verheiratet.

In den letzten Jahren wurde in zahlreichen Musikarchiven gebuddelt und teilweise Erstaunliches zu Tage gefördert. Kurioserweise hat einer der damals führenden Komponisten des Spätbarocks, Nicolo Porpora, immer noch wenig Bekanntheit. Der Dirigent und Intendant der Innsbrucker Alte-Musik-Festivalindendant Alessandro De Marchi hat mit “Il Germanico” vielleicht keinen Volltreffer gelandet – man denke an die Vinci-Renaissance – aber immerhin einen lohnenswerten Beitrag für die Barockwelt geleistet.

Das Werk selber krankt allerdings an Überlange. Trotz einiger Kürzungen – De Marchi sprach von einer halben Stunde – dauert es knappe vier Stunden. Ohne die beiden Pausen, wohlgemerkt ! Da hätten beherztere Striche dem dürftigen Handlungsgerüst doch gut getan. Sicher, die Dramaturgie der wenigsten Barockopern ließe sich als “ausgefeilt” bezeichnen. Meist verlaufen sie nach dem Muster “A liebt B, C liebt aber auch A, weswegen er/sie sich mit D verbündet, welcher wiederum der verwitwete Schipschwager von E….” und so weiter und so fort. Im Vergleich dazu ist diese Handlung nicht einmal dürftig, aber inhaltsleer. Folglich gibt es im ersten Akt kaum Konfliktpotential. Erst im zweiten Akt kommt Spannung auf (mit einem richtig geilen Trio als Aktschluss !), während im dritten Akt dann eigentlich wieder nur räsoniert wird, ehe alles im üblichen lieto fine endet.

Insofern ist es fraglich, ob eine andere, politischere Regie dem Stück etwas mehr Leben eingehaucht hätte. Alexander Schulin lässt die Handlung jedenfalls in einem barock-pastoralen Setting spielen und verzichtet auf jegliche Form der Anspielung, geschweige denn Aktualisierung. Das ist schade, denn Parallelen zur Jetztzeit böten sich ja durchaus an. Nein, an diesem Abend ist der Dirigent federführend. Und er hat vorab mehrere Arien transponiert und die Orchestrierung abgeändert (aus einem Horn am Ende des ersten Aktes wird flugs eine Oboe): gelebte barocke Aufführungspraxis, sozusagen. Man fragt sich allerdings, ob hier aus der Not eine Tugend gemacht wurde, denn ursprünglich war eine – ich hoffe, man darf das so sagen bzw. schreiben – hochklassigere Besetzung (u.a. mit Fagioli/Cencic) geplant gewesen. Die Sänger, die dann aufgeboten wurden, machen ihre Sache allerdings wirklich hervorragend.  Und dass die meisten Arien Porporas Überlänge besitzen und auch so ein wenig zur Ermüdung beitragen, ist ja nicht den Sängen anzurechnen.

Patricia Bardon gibt mit einem in jeder Lage geschmeidigem Mezzosopranistin die Titelrolle, Carlo Vincenzo Allemano als Segrete bewältigt mit ungewohnt heldischem Tenor die vielleicht feurigste Arie (mit obligater Trompete) bravourös. Klara Ek als Rosmonda hat die psychologisch vielleicht anspruchvollste Partie – allerdings bereiten die Koloraturen ihrem hellem Sopran keine Mühen. Hagen Matzeit und Emilie Renard geben ein dramaturgisch eigentlich überflüssiges, aber vokal hörbares zweites Liebespaar ab. Die Stimme von David Hansen in der Rolle des deutschen Nationalheldes wirkt im ersten Akt noch ungewohnt “unaufgewärmt” – beim “Aufmachen der Stimme” wirkt diese ungewohnt schrill und spitz. Eine Beobachtung, die sich ab dem zweiten Akt glücklicherweise nicht wiederholt. Spätestesten mit seinem zehnminütigem Solo zeigt der Countertenor aus Australien, dass nicht nur sein Äußeres über die Maßen ansprechend ist.

In der Summe also eine lohnenswerte Entdeckung und die Hoffnung, dass man beim nächsten Mal dem Motto “Weniger ist manchmal mehr” traut. Anspruch auf Vollständigkeit hin, Anspruch auf Vollständigkeit her.

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