Turandot / Bregenz (11.8.2015)

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  • August 14, 2015

Nach dem – nur in betriebswirtschaftlicher Hinsicht – desaströsen “Andrea Chenier” musste in den letzten beiden Jahren von David Poutney die “Zauberflöte” zum Aufpolieren der Bilanzen herhalten. Die neue Intendantin Elisabeth Sobotka geht in ihrem ersten Jahr ebenfalls kein Risiko ein und verweigert mit “Hoffmanns Erzählungen” im Festspielhaus auch nur den Anschein eines Spielplans mit Anspruch. (Fürs Protokoll: Es gibt als Gastspiel der Oper Frankfurt den “Goldenen Drachen” von Peter Eötvös in der Werkstattbühne.) Dass eine Freilicht-“Turandot” auf dem See aber so (selbst-)gefällig in Szene gesetzt werden muss, das war dann doch eine Art Kapitulation vor dem Opernmob. Diese Inszenierung – Marco Arturo Marelli hat sie zu verantworten – verweigert sich jeglicher Deutung. Einzig und allein der Gedanke, Puccini als Calaf darzustellen, ist interessant, wird aber letztlich nicht wirklich ausgeführt. Zugegeben: man erwartet kein wirklich ausgereiftes Konzept wenn man nach Bregenz fährt (Medienkritik oder die Brot-und Spiele-Einstellung der Massen böte sich bei einer “Turnandot” durchaus an), aber ein paar Terrakotta-Soldaten plus eine riesige chinesische Mauer , die übrigens gleich zu Beginn einstürzt und somit den größten Bühneneffekt verschenkt, da viele Zuschauer noch gar nicht realisiert haben, dass das Spektakel bereits begonnen hatte – das kann nicht einmal annähernd mit den intelligenten Bühnenbildern (z.B. das riesige Skelett beim “Maskenball” oder der überlebensgroße Marat im Bade) mithalten, wie es sie in Bregenz durchaus gegeben hat. Ansonsten dominiert jene fernöstliche Optik, wie wir sie aus asiatischen Schnellimbissrestaurants kennen, wo an Glutamat nicht gegeizt, die Vorspeise M 3 serviert und Glückskekse als Dessert verteilt werden. Dazu jede Menge chinesischer Kokolores, um die Ideenlosigkeit notdürftigst zu übertünchen.

Gott sei Dank besteht Oper – immer noch – zu einem großen Teil aus Musik. Und hier kann man den Festspielen durchaus Respekt zollen. Denn mit Rafael Rojas konnte nicht nur ein exzellenter, kraftvoller Calaf, sondern auch eine eher ungewohnt besetzte Turandot aufgeboten werden – Erika Sunnegardh sang mädchenhaft und keineswegs altjüngferlich. Marjukka Teponnen flogen vielleicht auch aufgrund des fehlendes Kontrastes nicht im gleichen Maße wie sonst sie Herzen des Publikums zu, obgleich ihre Liu ohne Fehl und Tadel war. Die Chöre wurden unverständlicherweise aus dem Festspielhaus übertragen – auf der Bühne alberten daher Terrakotta-Maos (Statisten)  herum. Besonderes Augenmerk verdient das Dirigat von Paolo Carignari. Er widersteht der Versuchung, das Werk zu glätten und auf leicht verdaulichen Festspielhochglanz zu polieren. Stattdessen dominieren Dissonanzen und die skurril anmutenden Töne der zukunftweisenden Partitur Puccinis.

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