Tristan und Isolde / Bayreuth (13.8.2015)

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  • August 14, 2015

Seit geschlagenen fünf Minuten sitze ich vor dem leeren Textfeld und weiß nicht, wie ich beginnen soll. Deswegen ohne Umschweife: so sehr war ich selten enttäuscht von einer Aufführung. Und der Grund hierfür hat einen Namen – Evelyn Herlitzius. Ich möchte vorab sagen, dass ich Frau Herlitzius als Elektra und als Färberin ganz, ganz fantastisch fand und im Gegensatz zu manchem Wagner-Bekannten das Einspringen für Kampe für Westbroek durchaus nicht im Voraus negativ gewertet hatte. Vielleicht war das ja der Fehler…..?  Sicher, Herlitzius’ Rollenporträt ist packend, es handelt sich um eine “wissende Sängerin” (wie sie Brangänes Trankschilderung nachäfft, das ist z.B. toll !) – aber eben um eine Sängerin, deren Stimme für diese Partie enge Grenzen gesetzt sind. Und es gibt sehr wohl Grenzen zwischen einem expressiven und einem exzentrischen Rollenporträt. Ihre Stimme war wahrscheinlich nie schön – und das sollte sie bei einer Isolde jedoch schon sein, Jedenfalls ist es da weitaus weniger verkraftbar, ein derart spitzes Organ mit schriller Tongebung zu vernehmen als bei einer Elektra oder einer Färberin oder meinetwegen auch einer “Götterdämmerungs”-Brünnhilde. Die beiden hohen c’s (“gab er es PREIS” im ersten Akt, “GeLIEBter” im zweiten Akt) versemmelt sie so offensichtlich, dass kein noch so exaltiertes Gebaren hilft, dies zu verbergen. Ein richtiges Piano kann sie nicht mehr wirklich und malträtiert deshalb unentwegt ihre Stimmbänder und meine Ohren – einfach laut singen.  Dazu gesellen sich Vokalverfärbungen am laufenden Band (“Schwart” statt “Schwert”; “Manne” statt “Minne”; Liste beliebig verlängerbar). Habe ich mich jemals mehr über eine Isolde geärgert als diese ? Ich bin mir ziemlich sicher – nein.

Und leider hat mir ist dieser musikalische Partycrasher den ganzen Abend versaut. Dabei war Stephen Gould als Tristan wirklich phänomenal. Eine glatte “Eins” für die tolle Kondition, lange Bögen, kein Ausweichen aufs Deklamieren. Selten hat man einen Tristan derart schön sterben hören. Allerdings fehlte mir deshalb auch das Existentielle an dieser Rolle. Irgenwie absurd, oder ? Pfeift der Tristan aus dem letzten Loch, klagt man über mangelnde Kondition, Deklamieren, etc. Und macht er all das nicht, dann ist es auch nicht recht. Verkehrte Welt. Unabhängig davon –  die amerikanische Aussprache (mehrfach “frescher Tag” und velares “l”) verhinderte das Sternchen zur “Eins”. Georg Zeppenfeld hat mit seinem Marke definitiv mit Rene Pape gleichgezogen, ihn vielleicht sogar überholt. Welch basso profondo ! Und man versteht unterm Strich von seinem wenigen Text mehr als von all den Zeilen, die Isolde zu singen hat…. Dass ihn die Regie als Unsympath zeichnete (dazu später noch mehr), tut der herausragenden Leistung keinen Abbruch.  Christa Mayer (Brangäne)  sieht in ihrem grünen Kleid aus wie eine überforderte Waldorf-Lehrerin, überzeugt aber mit einem guten, weil warmen Tonfall. An eine Sindram oder eine Mahnke reicht sie jedoch nicht heran, dazu klang sie an ein paar Stellen etwas zu altjüngferlich. Ian Paterson macht mit seinem kernigen Kurwenal große Lust auf sein “Rheingold”-Wotan im nächsten Jahr. Raimund Nolte war ein angemessen widerlicher Melot, könnte aus stimmlicher Sicht ohne weiteres zum Kurwenal aufrücken. Vollkommen fehlbesetzt hingegen Tansel Akzeybek als Hirte und junger Seemann.  Vor allem in letztgenannter Partie klingt es, als habe sich ein “Rheingold”-Mime in das falsche Stück verirrt…

Das Dirigat von Christian Thielemann war in den ersten beiden Akten ungewohnt resignativ. Da brodelte es wenig. Erst im dritten Akt dreht er dann auf und gibt dem Publikum dann den “Tristan”, wie es ihn vom Mitschnitt aus Wien kennt. Leider ist wieder seine Tendenz zu überlangen Generalpausen und Fermaten (Oboe am Ende des dritten Aktes) zu beobachten. Das trübt aber keinesfalls die superbe, wenn auch diskussionswürdige Leistung. Besonderes Lob verdienen an diesem Abend die anfangs luizid, später hysterisch aufspielenden Streicher.

Die Regie der Hausherrin begann mit einem imposanten Bühnenbild voller im Nichts endenden Treppen und vielen neuen Ideen, die keineswegs das Prädikat “gewollt” oder “konstruiert” verdienen. Schon bei Brangänes Gang zu Tristan im ersten Akt wollen sich dieser und Isolde an die Gurgel und können nur schwer  von ihren Dienern getrennt werden. Im zweiten Akt dann Verständnisprobleme auf meiner Seite – warum sind die beiden Titel”helden” bereits zu Beginn gefangene in einer überwachten Zelle ? Kapiere ich nicht. Unabhängig davon war das ständige Klettern Kurwenals störend, das mit dem Rücken zum Publikum gesungene “Oh sink hernieder” akustisch problematisch und das Behängen eines Sichtschutzes vor den Überwachungsscheinwerfern mit silbernem Schmuck (Sterne ?) albern bis peinlich. Im dritten Akt gab es mit den immer wiederkehrenden Dreiecksbildern tollte Kurzeindrücke – allerdings ohne Nachhaltigkeit. Am Ende zerrt Marke Isolde dann von Tristans Leiche. Kann man machen. Aber warum es so gemacht wird, das wurde mir nicht klar. Da ist mir zum Beispiel ein Tilmann Knabe lieber – der zieht ein Konzept wenigstens von Anfang bis Ende durch, selbst wenn es bekloppt sein mag. Rezeptionsgeschichte wird dieser “Tristan” wohl nicht schreiben, allerdings ist er von den oftmals überdreht-aktionistischen Inszenierungen Katharina Wagners aus den Vorjahren meilenweit entfernt. Insofern darf man gespannt sein, was Katharina Wagner in zehn weiteren Jahren auf die Bühne stellen wird.

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