Norma / Salzburg (3.8.2015)

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  • August 5, 2015

Gibt es sie überhaupt – die Norma ? Freilich – die Callas. Aber so brillant, so theatralisch sie war – mit den ursprünglichen Noten hat das nicht unbedingt viel zu tun. Zu dieser Erkenntnis sind auch schon andere Leute vor Cecilia Bartoli gelangt, allerdings dürfte ihre Umsetzung die wohl am meisten unorthodoxe Interpretation sein, die man jemals zu Gehör bekam. Sie besteht im Wesentlichen aus zwei Annahmen:

1. Norma soll von einer dramatischeren (das ist nichts Neues) tieferen Stimme (das hingegen schon) als Adalgisa, ihre Konkurrentin um die Liebe Polliones gesungen werden. Dies, so Bartoli, korreliere auch gut zum Altersunterschied. So weit kann ich folgen.

2. Weil Frau Bartoli die Norma singen will, muss “ihre” Adalgisa noch leichter als sie besetzt sein. Und hier endet mein Verständnis.

Keiner der beteiligten Sänger an diesem Abend war schlecht – das möchte ich in aller Deutlichkeit gesagt haben. Aber keiner hat mich eben auch wirklich vom Hocker gehauen. Darstellerisch war der Abend sowieso dicht und packend in Szene gesetzt worden (Regie: Moshe Leiser, Patrice Caurier). Dass die Handlung im Vichy-Frankreich spielt, ist zwar aus Stuttgart abgekupfert, aber bei der intensiven Personenführung ist das egal. Besser gut geklaut als schlecht selbst erfunden. Die Chöre nutzten das dynamische Spektrum ad extenso, das Dirigat (Giovanni Antonini) hatte in erster Linie dienende Funktion (also Frau Bartolis quasi-Nichteignung zu kaschieren). Diese Funktion wurde bestens erfüllt.

Nun aber zurück zu den Hauptpartien: Rebeca Olvera kann einen wunderschönen Sopran ihr Eigen nennen, ist aber letztlich ein Freischütz-Ännchen, das sich in die falsche Oper verirrt hat. Cecilia Bartoli – die ich wirklich mag und deren Darbietung ich trotz allem nichts anderes als Respekt zolle – fehlt zum einen die Höhe und zum anderen die Kraft für die stimmlichen Ausbrüche, die für eine Norma eben unabdingbar ist. Dass diese Mängel kaum vernehmbar sind, liegt in erster Linie – wie schon erwähnt – am Dirigat. Wer “Norma” also nicht kennt, der weiß gar nicht, was er da alles nicht hört. Im ersten Akt, bei den geschlosseneren Nummern, fällt dies weniger ins Gewicht, aber im zweiten Akt wird die Rolle auf Rossini-Geschnattere reduziert, weil die Kraft (nicht jedoch der Atem) für die Bellini’schen melodie lunghe einfach fehlt.  Wen diese Neuinterpretation am wenigsten tangiert und trotzdem den größten Nutzen daraus ziehen kann, ist John Osborn als römischer Feldherr. In diesem Rahmen gibt es endlich mal keinen spinto, der sich durch die Rolle brüllt. Wie Osborn seine große Arie verziert, ohne auf heldische Attitüde zu verzichten, das ist wirklich vom Feinsten. 

Fazit: Trotz aller Kritik ein spannendes Experiment, das ich allerdings gerne mit etwas größeren Stimmen hören würde.

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