Die Eroberung von Mexiko / Salzburg (4.8.2015)

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  • August 5, 2015

Wabernder (Trockeneis-)Nebel und die im Zuschauerraum der Felsenreitschule verteilten Trommelspieler verbreiten schon vor Beginn der Rihm-Oper Dschungel-Feeling. Viel mehr Mexiko wird es dann – von einer Runde Tequila und dem Frida Kahlo-Gemälde einmal abgesehen- im Laufe der  nächsten zweieinhalb Stunden auf der Bühne auch nicht geben. Dort findet sich vielmehr ein Macchu Pichu der Moderne, bestehend aus einem Autofriedhof, auf dem ein sehr bürgerliches IKEA-Wohnzimmer steht. Aufgrund der Konstruktion der Stimmfächer – der Aztekenherrscher Montezuma wird von einer Frau gesungen – und dem stets wiederholten “Männlich, weibliche, neutral” ist es nahe liegend, keine 1:1-Bebilderung der Eroberung Mexikos durch Cortez zu erwarten. Altmeister Peter Konwitschny zeigt vielmehr den Gegensatz, die Unvereinbarkeit der Geschlechter. Er schreckt dabei weder vor drastischen noch komischen Momenten zurück. Auch Klischees werden bedient. Worin besteht nun die Qualität seiner Inszenierung ? Nun, in meinen Augen durch zwei Stärken:
Zum einen gelingt es Konwitschny, das Konzept voll durchzuziehen, ohne dass Lücken oder Langeweile entstünde. Vom ersten, unbeholfenen Kennlernen (1. Bild) über eine aus dem Ruder gelaufene und in eine Massenvergewaltigung übergehende Beischlafszene (2. Bild), die Geburt des Kindes (hier: digitale Produkte) im dritten Bild bis hin zur Vereinsamung des sitzengebliebenen Mannes, der sich am Ende die Pulsader aufschneidet (4. Bild). Das a cappella-Duett von Montezuma und Cortez – ist es eine Nahtoderfahrung oder Hoffnung auf eine Vereinigung beider Geschlechter in ferner Zukunft ? Man weiß es nicht. Konwitschny führt selbst Chorsänger derart individuell, dass es eine helle Freude ist – und ein kurzer Schock, wenn sie, als Zuschauer verkleidet, sich im Saal erheben, Cortez zur Gewalt an Montezuma auffordern und die Bühne stürmen. Ebenfalls ein selten gelungenes Beispiel von “Publikumsbeschimpfung” findet sich, als Montezuma durch den gelb-gold erleuchteten Saal flüchtet und die Zuschauer direkt ansingt: “Wie hungrige Schweine wühlt ihr nach Gold…”

Allein das würde reichen, um diese packende, ergreifende Inszenierung zur Inszenierung des Jahres zu küren. Nun kommt aber der für mich eigene Clou: Genau durch die Versetzung der Geschichte in einen anderen Kontext entsteht genau genommen eigentluch keine ganz andere Geschichte. Nein, vielmehr gelangt man zu mehr Erkenntnissen als man sie bei einer naturalistischen Regie erhalten hätte. War das erste Aufeinandertreffen der Kulturen nicht ebenso unbeholfen, von Unsicherheit, sich gegenseitigem Beobachten geprägt wie im ersten Bild ? Gleicht die gegenseitige Faszination nicht der im zweiten Bild zu beobachteten Erotik, die dann aber schnell in eine bloße Machtdemonstration ausartet ? Zeugen die zahlreichen Apple-Produkte nicht von der Verwestlichung der indigenen Kulturen ? Und spiegelt die Einsamkeit des Mannes nicht ebenso die monokulturelle Einöde des Westens wieder ? Hier liegt der Grund, warum diese Inszenierung ein wirklicher Meilenstein darstellt.

All das wäre natürlich ohne die hervorragende Umsetzung der musikalischen Seite nicht annähernd so grandios gelungen. Bo Skovhus als Macho-Cortez als auch Angela Denoke als weiblicher Montezuma begeistern ebenso wie die stimmliche Unterstützung aus dem Graben (Marie-Ange Todorovitch als Susanna Andersson als Sänger; Stephan Rehm und Peter Pruchniewitz als Sprecher). Von dort steuert Ingo Metzmacher das RSO Wien umsichtig durch den Abend. Besonders die ersten zehn Minuten haben dabei Qualitäten eines Horrorfilm-Soundtracks. Wo man bei Carlos Kleiber immer von einem “Musizieren auf der Stuhlkante” sprach, kann man hier mit Fug und Recht von einem Zuhören auf der Stuhlkante sprechen.

Der helle Wahnsinn. Und dann auch auch noch ein nachdenklicher Wahnsinn. Eine Produktion für die Ewigkeit.

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