Siegfried / Nürnberg (19.7.2015)

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  • July 20, 2015

Ungewohnt viele Plätze blieben zum beinahe-Spielzeitende im Staatstheater Nürnberg leer. Dabei hatte dieser Abend unglaublich viele Qualitäten, die so manches Hochpreishaus neidisch machen dürfte. Am wenigsten ist dies die Regie von Georg Schmiedleitner, die sich im ersten Akt ziemlich frech, aber gut plagiierend aus der Stuttgart Inszenierung bedient. Im zweiten Akt irritiert, dass Alberich auf Wotan/Wanderer uriniert, was nun so gar nicht zur Dramaturgie passt. Aber auch hier solides Erzähltheater. Im dritten Akt pinkelt – der übrigens eher als fett kostümierte – Siegfried vor seinem ersten Einsatz an den Walkürenfelsen um dann später mit Brünnhilde nicht dem der Musik innewohnenden Eros zu erliegen, sondern auf der Couch vor dem Fernseher Flaschenbier zu trinken und Chips zu verköstigen. Warum nicht ?

Hätte das Orchester im dritten Akt nicht doch hörbar geschwächelt und die Solisten mehrere Schmisse zustande gebracht, dann hätte GMD Marcus Bosch auch dann noch vorführen können, was er bereits in den ersten beiden Akten zeigte – dass man Wagner wirklich saft- und kraftvoll dirigieren kann, ohne die Sänger zuzudecken. Es ist eine fast schon kindische Lust, ein Dirigat zu hören, das sich nicht als “intellektuell” oder “kammermusikalisch” bezeichnen lässt, sondern am besten noch als “intelligenter Kinosound mit Überwältigungscharakter”. Das können nicht viele, aber Marcus Bosch kann es. Und wie !

Auch stimmlich gab es – bis auf eine Ausnahme – keine Ausfälle. Dieser wohlgemerkt kleinere Ausfall ist die Brünnhilde von Rachel Tovey, der es trotz einer wunderbaren Pianokultur (das “vernichte dein Eigen nicht” war zum Niederknien) durchgängig an Höhe fehlt und fast schon konsequent das hohe c am Ende auslässt. Ohne Wiedererkennungswert aber solide das Waldvöglein (Leah Gordon) und der Fafner (Nicolai Kornolsky). Ansonsten weiß man gar nicht, wen man am meisten loben soll – den bärbeißigen Alberich von Martin Winkler (Erde an Bayreuth, Erde an Bayreuth – wieso habt ihr den rausgekegelt, hm ?), oder die mystische Erda von Leila Pfister ? Ebenfalls eine Klasse für sich Peter Galliard als Loser Mime, der eine gute Balance zwischen Aussingen und Deklamieren findet. Besonders bemerkenswert der Wanderer von Antonio Yang. Ein voller, gewaltiger Klang, den der Koreaner da produziert. Und das überaus textverständlich. Dieser Wanderer hat noch lange nicht mit dieser Welt abgeschlossen. Besonders gespannt war ich auf Vincent Wolfsteiner, dessen Siegmund am selben Ort okay, mehr aber auch nicht war. Das Vorab-Lob war jedoch berechtigt, denn diese Rolle liegt ihm mehr – hier wächst ein Siegfried für die großen Häuser heran. Der Stimme fehlt vielleicht noch der letzte Schliff, etwas mehr Weichklang wäre schön, aber wenn ich daran denke, wen man in dieser furchterregenden Partie schon alles scheitern hörte, dann ist es nicht vermessen, Wolfsteiner eine erfolgreiche Karriere zu prognostizieren. Dass er nun nach Frankfurt geht und dort erstmal etwas kleinere Rollen angeht, wird sicher nicht die schlechteste Entscheidung sein.

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