Monthly Archives: July 2015

Rossini-Festival / Bad Wildbad (22., 25. und 26. Juli 2015)

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Es ist mittlerweile Tradition für mich geworden, das Schuljahresende mit dem Rossini-Festival in Bad Wildbad einzuläuten – einem Kurort, der seine besten Zeiten vielleicht nie gesehen hat. Die FAZ (glaube ich) hat das Festival einmal als “deutsches Pesaro” bezeichnet. Obwohl ich noch nie dort war, bilde ich mir ein zu glauben, dass man hier im Schwarzwald, wo Rossini 1856 einst kurte, ein beachtliches Niveau vorlegt, das sich hörbar von anderen Theatern abhebt. Dass der Unterscheid in erster Linie hörbar und eben nicht sehbar ist, liegt in erster Linie an den baulichen Gegebenheiten: das kleine Kurtheater – überhaupt erst seit letztem Jahr wieder renoviert – eignet sich eigentlich nur für Kammeroper  und die Trinkhalle – der Name sagt es – wurde bestimmt nicht nach akustischen Anforderungen hin konzipiert. Insofern muss man sich mit der furztrockenen Akustik eben arrangieren. Hörbar bleibt der besagte Unterscheid in qualitativer Hinsicht, da hier wirkliche Experten am Werke sind. Die Virtuosi Brunenses sind eben keine – man verzeihe mir den Ausdruck – osteuropäische Schrammelgruppe, wie man sie bei Tourneeproduktionen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken erdulden muss, sondern erfahrene Meister ihres Metiers. Da können viele, nominell und pekuniär besser gestellte Repertoireorchester nicht mithalten.

Am Donnerstag gab es für mich die persönliche Eröffnung mit “L’italiana in Algeri”. José Miguel Pérez-Sierra dirigierte mit Lust und Witz, Primo Antonio Petri setzte die Handlung halbszenisch auf sehr gelungene Weise um. Die jungen Solisten waren von Raúl Giménez bestens präpariert worden – allen voran der kernige Mustafa (Laurent Kubla), die koloratursichere Elvira (Sara Blanch) und die mit profundem  Alt vorgetragene Isabella von Ana Victoria Pitts. Mich persönlich sprach Gheorghe Vlad als Lindoro besonders an, obgleich seine Höhe im ersten Akt unsicher, etwas gepresst wirkte. Aber dieser nasale Klang, diese weiche Mittellage erzeugte bei mir Gänsehaut. Von dem möchte ich gerne mal Mozart hören. Zum Publikumsliebling mauserte sich jedoch Daniele Caputo als quirliger Haly.

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Pläne für den August 2015

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“Macbeth” in Heidenheim

“Norma” und “Die Eroberung von Mexiko” in Salzburg”

“Der fliegende Holländer” und “Tristan und Isolde” in Bayreuth

“Hoffmanns Erzählungen” und “Turandot” in Bregenz

“Germanico” in Innsbruck

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Siegfried / Nürnberg (19.7.2015)

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Ungewohnt viele Plätze blieben zum beinahe-Spielzeitende im Staatstheater Nürnberg leer. Dabei hatte dieser Abend unglaublich viele Qualitäten, die so manches Hochpreishaus neidisch machen dürfte. Am wenigsten ist dies die Regie von Georg Schmiedleitner, die sich im ersten Akt ziemlich frech, aber gut plagiierend aus der Stuttgart Inszenierung bedient. Im zweiten Akt irritiert, dass Alberich auf Wotan/Wanderer uriniert, was nun so gar nicht zur Dramaturgie passt. Aber auch hier solides Erzähltheater. Im dritten Akt pinkelt – der übrigens eher als fett kostümierte – Siegfried vor seinem ersten Einsatz an den Walkürenfelsen um dann später mit Brünnhilde nicht dem der Musik innewohnenden Eros zu erliegen, sondern auf der Couch vor dem Fernseher Flaschenbier zu trinken und Chips zu verköstigen. Warum nicht ?

Hätte das Orchester im dritten Akt nicht doch hörbar geschwächelt und die Solisten mehrere Schmisse zustande gebracht, dann hätte GMD Marcus Bosch auch dann noch vorführen können, was er bereits in den ersten beiden Akten zeigte – dass man Wagner wirklich saft- und kraftvoll dirigieren kann, ohne die Sänger zuzudecken. Es ist eine fast schon kindische Lust, ein Dirigat zu hören, das sich nicht als “intellektuell” oder “kammermusikalisch” bezeichnen lässt, sondern am besten noch als “intelligenter Kinosound mit Überwältigungscharakter”. Das können nicht viele, aber Marcus Bosch kann es. Und wie !

Auch stimmlich gab es – bis auf eine Ausnahme – keine Ausfälle. Read More

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Halka / Kaiserslautern (18.7.2015)

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Woran erkennt man, dass man sich im Pfalzbau in Kaiserslautern befindet ? Nun, zum einen an dem wohl unverschämtesten Publikum im süddeutschen Raum (und wenn noch so laut gesungen wird – dann spricht man eben auch lauter) und zum anderen an der Rarität, die höchstwahrscheinlich gezeigt wird. Vorgestern war es die polnische Nationaloper “Halka” – was bei mir schon im Vorfeld die Frage auslöste, woran es denn liegt, dass die “Verkaufte Braut” und der “Freischütz” bedeutend häufiger auf den Bühnen zu sehen sind. Nach der Aufführung war mir klar, was da für den internationalen Durchbruch fehlt – es mangelt zum Beispiel an einer speziellen Art des Humors (“Verkaufte Braut”) oder Abgründigem (“Freischütz”). Mit Ausnahme der polnischen Tänze könnte “Halka” zudem als früher Verdi (der ja auch nicht nur Meisterwerke ablieferte) durchgehen – aber auch die Geschichte selber über ein Bauernmädchen, das vom Gutsherren geschwängert und dann prompt sitzengelassen wird, ist nichts genuin Polnisches. (Oder etwa doch ?) Jedenfalls taugt das Ganze für einen soliden Einakter, aber nicht für knapp zwei Stunden, zumal sich die Charaktere wirklich null entwickeln. im zweiten Teil kommt dann endlich so etwas wie konkrete Gesellschaftskritik, aber auch nur kurz. Dann darf Halka erneut in einer langen Arie alle möglichen Vogelarten (Taube, Falke, Lerche,…..) larmoyant besingen.

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Falstaff / Karlsruhe (16.7.2015)

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“Gibt es jetzt eigentlich ein Gesetz, das es Theatern vorschreibt, Falstaff zu spielen ?” fragte mich im Scherz ein Kollege zum Ende der letzten Spielzeit. Kein Wunder, hatten doch Stuttgart, Mannheim und Karlsruhe innerhalb eines Jahres den “Falstaff” neu ins Programm genommen. Nach einer havarierten “Boheme” und einem zähen “Parsifal” hat das Badische Staatstheater zum Ende einer auch hinter den Kulissen turbulenten Spielzeit einen Volltreffer gelandet. Gut so.

An Justin Browns Leidenschaft und Eignung für Verdi konnte erneut keine Sekunde gezweifelt werden. Mit welcher Spritzigkeit und gleichzeitiger Umsicht hier die tückischen Ensembles dirigiert werden, das muss man erst einmal nachmachen. Gleichfalls sehenswert die Regie von Jacopo Spirei, der die Handlung in ein heutiges Italien versetzt (was übrigens sehr gut funktioniert !) und ein Kuriositätenkabinett erster Güte auf die Bühne bringt. Hier ist wirklich jeder Charakter ein Individuum. Was dem Abend ein wenig den Schwung nimmt, das sind die Umbaupausen und vor allem eine dreiviertelstündige Pause. Da brauchte es eine unangenehm lange Weile, bis die Konzentration im Publikum wieder da war.

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Der ferne Klang / Mannheim (15.7.2015)

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Nach “Irrelohe” in Kaiserslautern zog nun auch Mannheim mit einem Werk Franz Schrekers nach. Schade, dass sich so wenig Leute ins Nationaltheater verirrten – die Aufführung hätte weiß Gott mehr Resonanz verdient gehabt. Dass ich mit der Aufführung selbst eher wenig anfangen konnte, dürfte weniger an Regisseurin Tatjana Gürbaca als dem Plot liegen. Dennoch: Gürbaca erzählt klar und nachvollziehbar, umschifft die der Handlung innewohnende Esoterik gekonnt.

Der Schreker in Kaiserslautern scheiterte in erster Linie an den stimmlichen Anforderungen – und die waren auch hier enorm. Mannheim hat aber den Luxus, die meisten Partien gleich zweimal aus dem eigenen Ensemble besetzen zu können. In der besuchten Vorstellung machte vor allem Cornelia Ptassek einen hervorragenden Eindruck. Die tieferen Lagen sind weiterhin ihr Schwachpunkt, da fehlt es zu arg an Durchschlagskraft.  Ihr Sopran blüht aber umso mehr auf, je höher die Noten liegen – eigentlich ein Wahnsinn. Und eine Leistung, die vom Publikum umjubelt wird. Ebenfalls bemerkenswert Michael Baba als Fritz – die Partie dürfte ähnlich kniffelig wie der Paul in “Die tote Stadt” sein. Babas Tenor kling nicht immer geschmeidig, besitzt aber einen angenehmen, authentisch-baritonalen  (also nicht künstlich abgedunkelten) Charakter. Juhan Tralla als Chevalier sowie Raymond Ayers als Graf machen mit ihren beiden Soli nachdrücklich auf sich aufmerksam und empfehlen sich auch für größere Partien.

Die größte Überraschung des Abends fand für mich jedoch im Graben statt. Ich hatte stets  meine liebe Not mit dem amtierenden Mannheimer GMD, aber was Ettinger da ablieferte, das nötigt Respekt und Anerkennung ab. Er schlägt jede Verlockung aus, den spätromantischen “Soundtrack” auf Kosten der Sänger darzubieten und schafft es gleichzeitig, dem konzentrierten Orchester einen feinen, geradezu ziselierten Klang zu entlocken.

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Lohengrin / Zürich (11.7.2015)

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Ein rundum beglückender “Lohengrin” – das hat man selten. In Zürich war man jedenfalls verdammt nah dran.

Das lag sicher am umsichtigen, dramatischen, aber nie dröhnenden Dirigat von Simone Young, der an diesem einen Abend wohl mehr Sympathie von Publikumsseite entgegen schlugen als  in einem Durchschnittsmonat  in Hamburg. Nichts gegen Kent Nagano, aber man wird Frau Young dort sicher noch vermissen…. Die Regie von Hausherr Andreas Homoki entstand in Zusammenarbeit mit der Wiener Staatsoper und lässt die Handlung in einer Art bayerischem Wirtshaus spielen. Das bringt keine neuen bahnbrechenden Erkenntnisse, zeigt aber den Druck, die Engstirnigkeit, mit der Elsa hadert und der sie am Ende auch selbst zum Opfer fällt, als sie nach dem Namen ihres Retters fragt. Interessant das bebilderte Vorspiel zum ersten Akt, in welchem das Verhältnis Friedrich-Elsa genauer beleuchtet wird.

An den stimmlichen Leistungen gemessen war dies vor allem ein Abend des “hellen”,  weniger des “dunklen” Paares. Letzteres liegt weniger an Martin Gantners (etwas zu) hellem, aber wortverständlichen Bariton, sondern an seiner Bühnengattin – der Ortrud  von Petra Lang. Deren “Sopran” ist in der Höhe mittlerweile erschreckend ausgedünnt und entfaltet längst nicht mehr den Furor von vor einigen Jahren. Die Mittellage indes klingt jaulend. Schlimmer ist nur noch ihr Auftreten, das sich am ehesten als männermordende dirndltragende Transvestitwirtin beschreiben lässt. Irgendwie peinlich-schräg.  Beim Budget ist dem Zürcher Opernhaus wohl auch das Budget zu Neige gegangen als man Michael Kraus als Heerrufer mit brüchiger Stimme engagierte, nicht jedoch beim König Heinrich, den Günther Groissböck auf sehr gelungene Weise interpretiert. (Laut offizieller Ansage vor dem Vorhang war er für den “erkrankten” Christof Fischesser eingesprungen – nur hatte der am Abend einen fulminanten Orest gesungen und war sein Abgang bereits Tage zuvor auf der Homepage des Opernhauses vermerkt worden.)

Nun aber zum “hellen Paar”, das in vollem Licht strahlte. Auch wenn sie weniger Applaus als ihr Bühnenpartner erhielt, war für mich Elza van den Heever als Elsa die Entdeckung des Abends. Ich hatte sie in dieser Rolle bereits vor ein paar Jahren ohne Wiedererkennungswert in Frankfurt gehört. Die zahlreichen Ausflüge ins Belcantofach (“Norma”) haben sich nun hörbar bezahlt gemacht. Butterweich die Tongebung, ein vorbildliches Legato und auch darstellerisch sehr überzeugend. Allein die Diktion ist etwas verwaschen. Und Vogt ? Nun, selbst wer Vogt nicht mag, kann nicht umhin zu konstatieren, dass da ein Sänger mit der Rolle (seines Lebens ?) gewachsen ist. Überirdisch schön, ätherisch ist die Tongebung immer noch – allerdings längst nicht mehr so “weiß” wie einst. Es mischen sich deutlich mehr Brusttöne in die Gestaltung, die diesen Lohengrin von seinem sakralen Sockel herunterholen und ihn auch zum Mann aus Fleisch und Blut machen. Seine Unart, Phrasen zu “veratmen”, vernimmt man immer noch, allerdings seltener und dies auch eher am Ende des Abends. Darstellerisch war Vogt trotz orthopädischer Schiene voll präsent und kann im zweiten und dritten Akt  dann auch bei Bedarf  richtig hart, verbissen klingen – um dann mit einer Gralserzählung abzuschließen, von der man noch in Jahren mit Freuden sagen darf: “Ich war dabei.”

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Elektra / Zürich (10.7.2015)

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Dirigat: Lothar Koenigs begnügt sich, die Partitur brav rauf- und runter zu deklinieren.

Regie: Martin Kusej lässt die Handlung um die moralisch fragwürdige Atridensippe passenderweise in einem sich nach hinten verengenden Raum mit zahlreichen Türen spielen – je nach Beleuchtung ähnelt die Bühne einem Swingerclub und einem Irrenhaus (am Ende). Dieser Übersexualisierung entziehen sich die drei Damen des Hauses auf unterschiedliche Weise. Die eine durch großbürgerliche Grandezza (Klytmämnestra), die andere durch stilisierte Jungfäulichkeit (Chrysothemis). Und die Titelfigur durch Asexualität. Ein gutes, gelungenes Konzept, auch wenn weniger mehr gewesen wäre. Sambatänzerinnen zum Schluss hat dieses Meisterwerk eigentlich nicht nötig.

Sänger: Michael Laurenzius macht aus der dreieinhalbminütigen Ägisth-Nummer einen kleinn Höhepunkt des Abends. Toll. Mein bisher bester Orest war Christof Fischesser mit vollem, runden, balsamischen Bass. Singt der schon den Gurnemanz und wenn ja, wo ? Enttäuschend Hanna Schwarz als Klytämnestra. Die grande dame hat immer noch eine überraschend intakte Stimme – allerdings intoniert sie häufig zu tief (okay, kommt vor). Dass sie aber darstellerisch nichts aus dem Text macht, das ist eher unverzeihlich. Die Tochter-Mutter-Szene war jedenfalls – und ganz ungewohnt – die schwächste des ganzen Abends. Passabel die Chrysothemis von Emily Magee. Die Höhe ist bemerkenswert stark, aber der nötige Silberklang für diese Partie fehlt dann doch. In der Mittellage hört sich die Stimme sehr matronenhaft an und in der Tiefe verfällt sie mehr als einmal in eine Art Deklamationsstil. Atemberaubend und mit Referenzcharakter die Elektra von Evelyn Herlitzius. Hundertprozentige Rollenidentifikation trifft auf plastische Textgestaltung. Klar, eine “schöne” Stimme hat sie nicht (wie z.B. Christine Goerke), aber eine schneidende, mit der sie jederzeit den Hass bestens kommunizieren kann. Auch in den lyrischeren Stellen kann sie sich gut präsentieren – allerdings bricht die Stimme in der Erkennungsszene mit Orest einmal, beim Schluss gleich zweimal. Wahrscheinlich (und hoffentlich !) ist dies nur der aktuellen Doppelbelastung (Bayreuth/Isolde) geschuldet.

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Pique Dame / Baden-Baden (9.7.2015)

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Es dürfte wenig geeignetere Städte für dieses Meisterwerk geben als Baden-Baden, und – vielleicht vom genius loci inspiriert – zeigte das Petersburger Mariinsky auf seiner alljährlichen Visite an der Oos das Drama um Spielsucht und Wahn auf musikalisch einprägsame Weise.

Valery Gergiev hatte daran großen Anteil. Er bevorzugte eher langsame Tempi, was die ungestrichene Partitur und zwei Pausen auf über vier Stunden lang dehnte. Aber angesichts des dunkel-düstren, brodelnden Orchesterklanges war da keine Minute zu viel. Zumal Gergiev es versteht, seine Sänger auf Händen bzw. auf den Noten zu tragen. Gäbe es ein russisches Äquivalent für Italianata  oder gibt es das ?), dann wäre er hier angebracht.

Ein interessanter Fall war der Hermann  von Mikhail Vekua – keine große Stimme, aber an den großen Stellen fast schon zu präsent mit relativ hellem Tenor. Klassisch besetzt hingegen die Lisa mit Irina Churilova als Einspringerin für Tatjana Serjan. Ihr gelingt es, die fordernde Partie im großen Festspielhaus immer lyrisch, nie schrill klingen zu lassen. Die junge Lyudmila Dudinova machte als Gräfin ihre Sache ordentlich, aber so etwas wie eine Aura besaß sie nicht. Alexei Markov zeigte als Jeletzki einen profunden Bariton alter russischer Schule und Roman Burdenko war ein ungewohnt heldischer Tomski – warum letzterer bei der Pastorale als Plutus szenisch derart bloßgestellt werden musste, ist mir ein Rätsel.

Überhaupt ist diese ganze Inszenierung von Alexei Stepanyuk ein Rätsel. Nämlich insofern als dass sich die Frage stellt, worin da genau die Regie bestand. Man ja gerne nach dem Motto verfahren “schön( kostümiert)e Menschen singen schöne Melodien” – aber da war in den kammerspielartigen Szenen teilweise derart viel Leerlauf, dass ich mich mehr als einmal an die erst neulich gehörte Carsen-Inszenierung in Strasbourg zurück sehnte.

Gleichwohl – da meine szenischen Erwartungen von Anfang an nicht besonders hoch  waren, ein allemal lohnender Abend.

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Iphigenie auf Tauris / Karlsruhe (5.7.2015)

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Ein überraschend positiver Opernnachmittag im erschreckend leeren Badischen Staatstheater war das gestern – und das lag sicher nicht nur an der angenehmen Klimatisierung. Nachdem ich sowohl “Il Matrimonio segreto” und die drei Martinu-Einakater in Frankfurt hitzebedingt gecancelt hatte, konnte ich mich wenigstens und überraschenderweise zum Gluck aufraffen. Überraschend deshalb, da ich mit Gluck eigentlich wenig anfangen kann. Woran auch immer es liegen mag. Das Experiment hat sich also gelohnt, was mehrere Gründe hat, allen voran die sehr choregraphisch anmutende Regie von Arila Siegert im schön anzusehenden Bühnenbild von Thilo Reuther und das spritzige Dirigat von Daniele Squeo, das in meinenOhren angenehmerweise so gar nicht nach zäher Reformoper klang.

Sängerisch überzeugten mich am meisten der Pylades (Jesus Garcia) mit hellem Tenor sowie der Orest von Andrew Finden. Beide gelang insofern die vokale Quadratur des Kreises, als dass einerseits flexible, gut fokussierte Stimmen zu hören waren, die aber andererseits eben nicht zu laut klangen. Letzteres traf eher wenig auf Katherine Tier in der Titelpartie zu – im Forte scheppert es da schon arg nach 19. Jahrhundert. Viele Piani klingen aber innig und berühren.

Das Einzige, was mich an diesem Nachmittag irgendwie ratlos zurück ließ, war der Einsatz einiger Asylbewerber aus dem Landkreis Karlsruhe als “Gestrandete” (Statisten). Irgendwie empfand und empfinde ich dies weiterhin als eine Art dramaturgischen Voyeurismus; ja – auch als eine Form der künstlerischen Ausbeutung der individuellen Schicksale. Braucht es denn wirklich den “Nervenkitzel”, echte Flüchtlinge auf die Bühne zu bringen ? Wo liegt da der Mehrwert ? Die ansonsten gelungene Regie hätte diesen wohl in erster Linie mediale Aufmerksamkeit heischenden Tricks  eigentlich gar nicht benötigt.

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