Turn of the Screw / Wiesbaden (12.6.2015)

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  • June 14, 2015

Die vertonte Henry James-Novelle in Szene zu setzen ist einerseits leicht, da Britten ein unglaublich dichtes, packendes Kammerspiel komponiert hat, andererseits verdammt schwierig – müssen doch einerseits besonders realistische, eigentlich filmisch korrekte Bilder gefunden werden, um ihnen dann alptraumhafte Visionen und schauderhafte Traumbilder gegenüber zu stellen. Kurzum: das Werk lebt von den Extremen, während die meisten Opern in ihren Handlungen und in ihrer Grundkonzeption ja irgendwo in semi-realen Sphären angesiedelt sind. Und wer, wenn nicht Robert Carsen, könnte dieser Aufgabe gerecht werden ?

Sein “Turn of the Screw” überzeugt durch narrative Dichte, den gelungenen Einsatz von filmischen Mitteln und schnelle Szenenwechsel. Das Dirigat des mehr oder minder geschassten GMDs Zsolt Hamar besitzt alles, was man so häufig bei ihm vermisste – präzise Einsätze, Differenziertheit, Umsicht, Klangmagie.

Etwas schrill, aber durchaus rollendeckend Miss Jessel (Victoria Lambourn), sehr mädchenhaft die Flora von Stella An, prägnant und überzeugender als in seinen Strauss/Wagner-Einsätzen Thomas Piffka als Peter Quint. Drei große Entdeckungen sind zu vermelden: Yorick Ebert als abgründig-engelsgleicher Miles,  Claudia Rohrbach als Gouvernante mit absolut unschuldig-reinem Sopran und vor allem die Mrs. Grose der nunmehr 75-jährigen Helen Donath. Unglaublich, wie frisch diese Stimme immer noch klingt und sympathisch anzuschauen, wie sie die anderen Darsteller beim Schlussapplaus großmütterlich “umsorgt”.

Das Haar in der Suppe findet sich an diesem Abend weder auf der Bühne noch im Orchestergraben, sondern sitzt im Publikum. Knisternde Bonbonpapiere und Privatgespräche im ziemlich leeren Haus – Wiesbaden at its worst.

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