Tosca / Wiesbaden (26.5.2015)

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  • May 27, 2015
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Foto: Martin Kaufhold

Die Letzten werden die Ersten sein – wer eine günstige Karte für den dritten Rang für die Festspiel-“Tosca” erworben hatte, wurde unerwartet ins Parkett umgesetzt. Eine nette Geste für die Gäste. Immerhin mussten Adina Aaron, Jose Cura und Samuel Youn somit nicht vor halbleerem Parkett singen. Es war ein beglückender Abend, obgleich nun einige Einschränkungen folgen werden. Es lag in erster Linie daran, dass ich noch nie eine derart intensiv gespielte Tosca (gemeint ist hier die Titelpartie, nicht das gesamte Stück) erlebt habe. Doch der Reihe nach.

Cura wirkte auf mich etwas altväterlich – was sicher auch der Kostümierung geschuldet war – phasenweise sogar unbeteiligt. Zwischen ihm und Aaron stimmt die Chemie, was bei dieser Oper ja nicht unwichtig ist, aber etwas mehr Feuer auf seiner Seite hätte der Charakterisierung gut getan. Das hat durchaus Charme, wenn er bei der Verhörszene das “nego” ganz knapp, cool an Scarpia abprallen lässt, aber auf der Bühne ist zu diesem Zeitpunkt sowieso schon längst weniger der Kampf Cavaradossis gegen Scarpia, sondern  Curas Kampf um das “richtige” Tempo mit dem Dirigenten, Will Humbug, entbrannt. Mit welcher Vehemenz sich Cura weigerte, am Schlussapplaus neben Humbug (der übrigens ein packendes Dirigat ablieferte) zu stehen und sich jedem seiner “Tätschelversuche” auf Schulter und Rücken zu entziehen versuchte, das war bei ihm das eigentlich große Kino. Curas Tenor ist robust und bewältigt die Partitur ohne Probleme, der perfekt platzierte (und bezahlte ?) Bravoruf nach der Bildnisarie war überflüssig. Es schien, als ob Cura verletzt sei bzw. sich verletzt hatte, denn im dritten Akt bewegte er sich vorsichtig und verbeugte sich beim Schluss minimal. Insofern steht hier alles hinsichtlich Cura unter Vorbehalt.

Samuel Youn als Scarpia bellt vergleichsweise wenig, aber für diese Partie doch ein wenig zu viel. Gleichwohl kommt er beim “Te Deum” ohne Mühe über die Rampe, und das ist auch einiges wert. Trotzdem – die Verdienste liegen hier eher im Darstellerischen. Selten habe ich einen derart “unangenehmen” Scarpia erlebt.

Dass Scarpia derart unangenehm wirkt, daran hat Adina Aaron in der Titelpartie großen Anteil, denn sie ist in jeder Sekunde anwesend, auch dann, wenn manche Tosca auf Autopilot bis zum nächsten Einsatz schaltet. Ihre Darstellung zeichnet sich weniger durch krankhafte Eifersucht als vielmehr Koketterie aus. Das unterstellte Fremdgehen im ersten Akt ist eher neckendes Spiel als Hysterie. Vielleicht wirkt darum Toscas Reaktion auf Scarpias Unterstellung, Mario betrüge sie tatsächlich mit der Attavanti, besonders eindrücklich. Auch im zweiten Akt wird ihr erst sukzessive klar, was Scarpia eigentlich genau als Belohnung für Cavardossis Freilassung verlangt – ihr Entsetzen darüber zu beobachten bietet mehr psychologischen Horror als alle überdeutlich übergriffigen Scarpias dieser Welt. Und wie sie sich dann zum bewegenden “Vissi d’arte” teilweise entkleidet, fast wie in Trance, als spräche sie nur zu sich und Gott und nicht zu einem Publikum, das gibt dieser Tosca menschliche Größe, fernab jeglicher Divenattitüde.  Stimmlich liegt diese Tosca näher an der Liu als an der Turandot – so hält sie das letzte “Signore” im “Vissi d’arte” eine gefühlte Ewigkeit und nimmt das hohe c im dritten Akt (“lama gli piantai”) erst piano um dann ein imposantes Crescendo draufzupacken.  Von dieser Frau möchte ich gerne viel mehr hören, ganz besonders Verdi. Das dürfte ein Traum sein.

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