Monthly Archives: May 2015

Catone in Utica / Wiesbaden (30.5.2015)

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Foto: Martina Pipprich

“Oh namenlose Freude !” Falsche Oper, aber passende Beschreibung für einen atemberaubenden, überirdischen Abend. Schon vor ein paar Jahren hat Parnassus, die Agentur/Produktionsfirma des Mezzo Max Emanuel Cenic mit der Ausgrabung der Leonardo (ohne “da”) Vinci-Oper “Artaserse” einen wahren Glücksgriff gelandet. Man kann konstatieren, dass er diesen Coup mit “Catone in Utica” wiederholen konnte. Glückwunsch an dieser Stelle auch an den Intendanten Laufenberg, der den richtigen Riecher bewiesen hat, diese Produktion rechtzeitig einzukaufen und somit die szenische Erstaufführung ans Land gezogen zu haben. In zwei Jahren soll übrigens erneut eine Parnassus-Produktion die Wiesbadener beglücken. Man darf sich freuen. (Und vielleicht auch hoffen, dass die Vorstellung dann nicht erst auf halb acht angesetzt wird.)

Bei “Artaserse” war die szenische Umsetzung noch ungewohnt – schließlich wurden alle Rollen, also auch die weiblichen, von Männern gesungen. Bei “Catone” konnte man sich bereits darauf einstellen und vielleicht noch intensiver genießen als vor drei Jahren in Nancy. Die Produktion (Regie: Jakob Peters-Messer) dürfte in erster Linie auf ihre Tourneetauglichkeit hin konzipiert worden sein, was der gelungenen Ästhetik keinen Abbruch bereitet. Auch trotz einer reinen Spielzeit von drei Stunden und zehn Minuten (die gleichzeitig erschienene CD-Einspielung beläuft sich auf fast vier Stunden) kommt keine Langeweile auf – obgleich es wünschenswert gewesen wäre, mit den Übertiteln nicht derart zu geizen. Im Prinzip kann man der Handlung nur folgen, wenn man das Original kennt oder das sündhaft teuere Programmheft erworben hat.

Am meisten Applaus erhält am Ende des Abends das Orchester Il Pomo d’Oro unter der Leitung von Riccardo Minasi, der zusätzlich auch den Konzertmeister gibt (sprich: Geige spielt). Vincis langsamen Arien fehlt es ein wenig an emotionaler Tiefe, aber die zahlreichen schnellen Stücke sind fetzig und an Blech und Pauken wird nicht gespart. “BaROCKe” Musik, flapsig formuliert.

Genau deshalb kann Franco Fagioli als Cesare am meisten prunken. Seine Höhensicherheit, seine Koloraturgewandheit ist beispiellos – das “In campo armato” bringt die Vorstellung kurzfristig zum Stillstand. Derart aus dem Haus ist das Publikum, dass der längst nach hinten abgegangene Fagioli von der Seitenbühne auftritt und den Applaus in Empfang nimmt. Dass Fagioli aber eben auch mehr kann als hohe Töne zu produzieren, das hört man dann in einem berückend schönen Largo im dritten Akt. Den Gegenspieler und Titelfigur gibt der Tenor Juan Sancho. Anfangs hat er Mühe, die Stimme auf Linie zu bringen, aber die eigentlich unmögliche Anforderung, direkt nach Fagiolis Showstopper eine weitere Bravourarie zum Besten zu geben, erfüllt er ohne Einschränkung. Der andere Tenor, Martin Mitterrutzner (Fulvio) kommt erst im zweiten Akt zu seiner ersten großen Nummer, die auf sehr humorvolle Weise sein Verhältnis zur Pompeius-Witwe Emilia präsentiert. Vince Yi singt diese “Rockrolle” (oder gibt es ein passenderes Pendant zur “Hosenrolle”?) mit Biss und weiblicher Verschlagenheit. Als Marzia, Cesares Frau, war eigentlich Valer Sabadus vorgesehen gewesen – Ray Chenez singt alles ohne Fehl und Tadel, aber mir fehlte ein wenig der weiche, warme Klang  in  den Ohren, zumal diese Partie weniger auf dramatische als vielmehr introspektive Affekte ausgelegt ist. Aber das ist Meckern auf ganz, ganz hohem Niveau. Cencic selbst ist freilich auch mit von der Partie. Der Arbace liegt ihm ausnehmend gut in der Kehle, sein eher dunkel timbrierter, tiefer Mezzo kommt ihm da sehr entgegen.

Fazit: Für diese Produktion loht sich auch ein weite Anreise !

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Tosca / Wiesbaden (26.5.2015)

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Foto: Martin Kaufhold

Die Letzten werden die Ersten sein – wer eine günstige Karte für den dritten Rang für die Festspiel-“Tosca” erworben hatte, wurde unerwartet ins Parkett umgesetzt. Eine nette Geste für die Gäste. Immerhin mussten Adina Aaron, Jose Cura und Samuel Youn somit nicht vor halbleerem Parkett singen. Es war ein beglückender Abend, obgleich nun einige Einschränkungen folgen werden. Es lag in erster Linie daran, dass ich noch nie eine derart intensiv gespielte Tosca (gemeint ist hier die Titelpartie, nicht das gesamte Stück) erlebt habe. Doch der Reihe nach.

Cura wirkte auf mich etwas altväterlich – was sicher auch der Kostümierung geschuldet war – phasenweise sogar unbeteiligt. Zwischen ihm und Aaron stimmt die Chemie, was bei dieser Oper ja nicht unwichtig ist, aber etwas mehr Feuer auf seiner Seite hätte der Charakterisierung gut getan. Das hat durchaus Charme, wenn er bei der Verhörszene das “nego” ganz knapp, cool an Scarpia abprallen lässt, aber auf der Bühne ist zu diesem Zeitpunkt sowieso schon längst weniger der Kampf Cavaradossis gegen Scarpia, sondern  Curas Kampf um das “richtige” Tempo mit dem Dirigenten, Will Humbug, entbrannt. Mit welcher Vehemenz sich Cura weigerte, am Schlussapplaus neben Humbug (der übrigens ein packendes Dirigat ablieferte) zu stehen und sich jedem seiner “Tätschelversuche” auf Schulter und Rücken zu entziehen versuchte, das war bei ihm das eigentlich große Kino. Curas Tenor ist robust und bewältigt die Partitur ohne Probleme, der perfekt platzierte (und bezahlte ?) Bravoruf nach der Bildnisarie war überflüssig. Es schien, als ob Cura verletzt sei bzw. sich verletzt hatte, denn im dritten Akt bewegte er sich vorsichtig und verbeugte sich beim Schluss minimal. Insofern steht hier alles hinsichtlich Cura unter Vorbehalt.

Samuel Youn als Scarpia bellt vergleichsweise wenig, aber für diese Partie doch ein wenig zu viel. Gleichwohl kommt er beim “Te Deum” ohne Mühe über die Rampe, und das ist auch einiges wert. Trotzdem – die Verdienste liegen hier eher im Darstellerischen. Selten habe ich einen derart “unangenehmen” Scarpia erlebt.

Dass Scarpia derart unangenehm wirkt, daran hat Adina Aaron in der Titelpartie großen Anteil, denn sie ist in jeder Sekunde anwesend, auch dann, wenn manche Tosca auf Autopilot bis zum nächsten Einsatz schaltet. Ihre Darstellung zeichnet sich weniger durch krankhafte Eifersucht als vielmehr Koketterie aus. Das unterstellte Fremdgehen im ersten Akt ist eher neckendes Spiel als Hysterie. Vielleicht wirkt darum Toscas Reaktion auf Scarpias Unterstellung, Mario betrüge sie tatsächlich mit der Attavanti, besonders eindrücklich. Auch im zweiten Akt wird ihr erst sukzessive klar, was Scarpia eigentlich genau als Belohnung für Cavardossis Freilassung verlangt – ihr Entsetzen darüber zu beobachten bietet mehr psychologischen Horror als alle überdeutlich übergriffigen Scarpias dieser Welt. Und wie sie sich dann zum bewegenden “Vissi d’arte” teilweise entkleidet, fast wie in Trance, als spräche sie nur zu sich und Gott und nicht zu einem Publikum, das gibt dieser Tosca menschliche Größe, fernab jeglicher Divenattitüde.  Stimmlich liegt diese Tosca näher an der Liu als an der Turandot – so hält sie das letzte “Signore” im “Vissi d’arte” eine gefühlte Ewigkeit und nimmt das hohe c im dritten Akt (“lama gli piantai”) erst piano um dann ein imposantes Crescendo draufzupacken.  Von dieser Frau möchte ich gerne viel mehr hören, ganz besonders Verdi. Das dürfte ein Traum sein.

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La Traviata / Baden-Baden (25.5.2015)

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Foto: Andrea Kremper

Sänger, die Regie führen, wollen häufig alles anders machen. Oder alles besser. Rolando Villazon, mit dessen Konterfei das Festspielhaus warb (wann gab es das zuletzt, dass ein Opernhaus mit dem Regisseur wirbt ?), hat sich nicht mit einem zufrieden gegeben, sondern beides in Angriff genommen und dabei einen großen Opernabend produziert. Angefangen von den kreativen Kostüme (Thibault Vancraenenbroek) über die Bühne, eine bonbonfarbene Zirkusmanege (Johannes Leiacker) bis hin zur intensiven Personenregie – Villazon geht nicht auf Nummer Sicher, sondern riskiert etwas. Meint man anfangs noch, er recycle seinen Clownroman, merkt man, dass dieses Setting einiges zum Verständnis des Stückes beiträgt. Der bei Verdi mitschwingende Vorwurf der Humtata-Musik – hier trifft er ins Schwarze, ohne dass dabei Verdis schöpferische Kraft negiert würde. Das kammerspielartige zweite und vierte Bild sind genau beobachtet, die Ensembleszenen wirken packend – vor allem dann im dritten Bild, eine perfekt choreographierte Horrormischung aus “Eyes wide shut” und der Wolfsschluchtszene des “Freischützes”. Auch bei einer anderen Oper bedient sich Villazon – der kalkweiß geschminkte Giorgio Germont erinnert unweigerlich an den Komtur aus “Don Giovanni”. Simone Piazzola singt ihn mit tadellosem Legato und sahnt fasst noch mehr beim Publikum ab als Olga Peretyatko. Deren Stimme ist, seitdem ich sie das letzte Mal hörte (Adina), größer geworden und kann auch in den dramatischeren Augenblicken genügend Kraftreserven mobilisieren. Die Koloraturen gelingen ihr ja erwartungsgemäß sowieso. Und darstellerisch ist die junge Russin eh’ eine Wucht. Wäre das Haus voller gewesen, wenn Villazon selbst den Alfredo gesungen hätte und nicht Atalla Ayan ? Möglich, aber sängerisch hätte Villazon dem Stuttgarter Ensemblemitglied nicht das Wasser reichen können. Ein leicht dunkler Tenor mit beeindruckender Kraft und Höhe – da kündigt sich bereits ein Maskenball-Ricardo an. Ein wenig mehr Luft zum Atmen hätte ihm gut getan, aber das ist auch das Einzige, was man an Pablo Heras-Casados feinfühligem Dirigat (Orchester: Balthasar-Neumann-Ensemble) bemängeln könnte.

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Pläne für den Juni 2015

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„Peter Grimes“ in Ulm

„Lohengrin“ in Pforzheim

„Turn of the Screw“ in Wiesbaden

„Medée“ in Mainz

„Pique Dame“ in Strasbourg

„Catone in Utica“ in Versailles

„Julietta“ in Frankfurt

„Le nozze di Figaro“ in Mannheim

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In eigener Sache

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Verehrter Leser, verehrte Leserin,

ich begrüße Sie herzlich auf dem Blog „Opernschnipsel“.

Schon seit Kindestagen an bin ich gerne ins Theater gegangen, ohne dabei die typische Opernkarriere von „Hänsel und Gretel“ und „Zauberflöte“ über „La Boheme“ bis hin zum „Tristan“ durchlaufen zu haben. Meine ersten Opern waren „Carmen“ und „Tosca“. Sozialisiert für das Musiktheater wurde ich in Ulm, wo ich als Teenager Künstler wie Angela Denoke und Philippe Jordan erleben konnte – ganz ohne zu ahnen, welche Weltkarrieren da noch kommen würden.

Besonders Feuer und Flamme für die Oper fing ich durch zwei Wagneraufführungen – zum einen den „Lohengrin“ von Keith Warner in Bayreuth und zum anderen der Konwitschny-“Götterdämmerung“ im legendären Stuttgarter Ring. Wagner ist über all die Jahre im Zentrum meines Operninteresses geblieben, was mich aber nicht davon abgehalten hat, mich zunehmend für Barockopern zu begeistern und auf abseitigeren Pfade auf Raritätenjagd zu gehen. Denn wo, wenn nicht hier in Deutschland mit seinen zahlreichen Opernhäusern, hätte man dazu eine bessere Gelegenheit ?

Auf diese Opernreise möchte ich Sie ein wenig mitnehmen, sofern Sie wollen. Meine Berichte haben nicht den Anspruch, druckreif zu sein. Sie sind subjektiv und können manchmal auch nur bruchstückhafter Natur sein, daher der Name des Blogs. Die „Opernschnipsel“ richten sich an all diejenigen, die erfahren wollen, was sich jenseits der Berichterstattung im überregionalen Feuilleton auf europäischen Bühnen abspielt. Als Karlsruher liegt mein Schwerpunkt auf dem Südwesten unserer Republik – gleichwohl blicke ich, so oft und gut es eben geht, über den regionalen Tellerrand hinaus.

Ich lade Sie herzlich dazu ein, mit mir und untereinander ins Gespräch zu kommen. Ich freue mich über Ihre Kommentare und Kritik.

Ihr

Florian Kaspar

 

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Wesendonck-Lieder und Herzog Blaubarts Burg / Montpellier (10.5.2015)

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Einakter teilen häufig das Schicksal, mit einem anderen gekoppelt werden zu müssen. Die Bartok-Oper macht hier keine Ausnahme. In Montpellier entschloss man sich nun dazu, eine szenische Darbietung der Wesendonck-Lieder vorzuschieben. Dies funktioniert aber nur begrenzt, weil die szenische Umsetzung wenig Sinn ergab (Angela Denoke läuft über die Bühne auf und ab, mal liegt sie, mal wedelt sie mit den Armen) und es ihr an genuiner Dramatik mangelt. Das zahlreich erschienene Rentnerpublikum mit seinen vielfältigen HNO-Krankheiten machte eine musikalische Bewertung des Gezeigten doppelt schwer. Nach einer Pause, die länger als der erste Teil dauerte, dann Blaubarts Burg. Diese Inszenierung ist der beste Beleg dafür, wie viel man mit wenig offenkundigen Aufwand erreichen kann – die Bühne (Jean-Paul Scarpitta) ist bis auf die sieben Türen leer, nur brillante Lichtwechsel (Urs Schönebaum) sorgen für einen nie abreißenden Spannungsbogen. Die Charakterisierung durch den Regisseur (ebenfalls Jean-Paul Scarpitta) ist im besten Sinne traditionell, aber sehr intensiv. (Einen guten Einblick gibt der Teaser.) Am besten ist dies an Jukka Rasilainen zu beobachten, den ich als eher drögen Kurwenal und Telramund in Erinnerung hatte, hier aber einen eiskalten Blaubart zeigte. Es gibt sicher Sänger mit mehr Stimmfarben, aber angesichts dieser Gesamtleistung ist dies mehr als zu verschmerzen. Angela Denoke legte nach der Küsterin  in diesem Jahr bereits ihr zweites Rollendebüt vor und zeigte sich von ihrer guten, obgleich nicht allerbesten Seite. Irgendwo habe ich über Denoke gelesen, sie sei ein “fauler Sopran”, was sich auch hier bewies, wenn sie Höhe und Lautstärke kombinieren musste. Das hohe c bei der fünften Tür war da, aber eben auch nicht mehr. Die Mittellage flutet aber weich und wunderschön, wie ich es von ihr gewohnt bin.  Das Orchester spielte sehr imposant unter der Leitung von Pavel Baleff – so imposant, dass nach der Generalpause nach Öffnung der fünften Türe zweimal Szenenapplaus ausbrach. Dies mag einerseits völliger Ahnungslosigkeit geschuldet sein, vielleicht  auch mediterraner Begeisterung. Letztere war in jedem Falle angebracht.

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