La Boheme / Karlsruhe (24.1.2015)

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  • January 25, 2015

Mimi-Double: “Wollen Sie meine Brüste sehen ?”
Publikum: “Nein.”


Mit dieser kurzen Interaktion dürfte das Problem der Neuinszenierung der “Boheme” in Karlsruhe gut auf den Punkt gebracht worden sein. Doch der Reihe nach: Regisseurin Anna Bergmann verpflanzt die Handlung in das heutige New York. Eine gute Wahl – für mich gibt es kaum eine Stadt, die so stark zwischen Enge und grenzenloser Freiheit, Kunst und Kitsch, Reichtum und Armut schwankt. Die ganze Handlung spielt am Engelsbrunnen des Central Park – und somit fehlt dem Kennenlernen von Rodolfo und Mimi das Intime, das Private. Der zweite Akt erinnert ein wenig an die Macy Parade und passt bedeutend besser. Im dritten Akt gibt es dann viel Schnee und eine nunmehr obdachlose Mimi, da deren Chrysler, in dem sie bisher leben musste beschlagnahmt wurde.Nach der Pause gibt das Mimi-Double, das seit dem ersten Akt auf der Bühne ist, vorab einen Monolog, der im obigen Austausch mit dem Publikum mündet. Dann folgt der vierte Akt.

Musikalisch war es ein sehr gelungener Abend. Andrea Shin war ein toller Rodolfo mit sehr viel Zartheit in der Stimme, Ina Schlingensiepen eine wunderbar zickige Musetta, Seung-Gi Jung ein kerniger Marcello. Konstantin Gorny (Colline) musste nach der Pause von Avtandil Kaspeli ersetzt werden, der die Mantelarie sehr einfühlsam sang. Das Orchester hatte sehr gut geprobt und spielte unter der Leitung von Johannes Willig sehr differenziert auf. Die Mimi von Barbara Dobrzanska blieb allerdings arg blass, was weniger an der verdienten und immer noch grandiosen Kammersängerin als vielmehr am Regiekonzept lag. Denn dieses rückt Mimi wieder mehr in die Nähe des Originals bei Murger und somit eher der Leoncavallo-Fassung. Allein, durch diese Doppelung wird nichts gewonnen – man weiß nie, worauf man sich nun konzentrieren soll. Und es ist sehr undankbar, eine Sängerin mehr oder minder an die Rampe zum Singen zu schicken, während das Schauspieldouble (Jana Schulz) alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Am Ende gab es ein Buhgewitter für die Regie, das in seiner Vehemenz für Karlsruhe so ziemlich einmalig war. Man darf gespannt sein, inwieweit das Konzept aufrecht erhalten werden oder absichtlich geschliffen wird um es publikumskompatibler zu machen. Und bis dahin warte ich auf eine Meute kulturell zwangsbeglückter Mittelstufenschüler, die Mimis Frage mit einem “Ja” oder gleich mit “Ausziehen !” beantworten wird….

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