Norma / Wiesbaden (18.1.2015)

  • 0
  • January 19, 2015

Für die konsenssüchtige Kurstadt gab es ungewöhnlich viele Buhrufe am letzten Sonntag für die “Norma” in der Regie von Gabriele Rech. Nicht zu unrecht, denn das, was sich da auf der Bühne abspielt, ist nicht nur langweilig, sondern banal. Rech reduziert das Stück auf eine bürgerliche “Menage a trois” und lässt es folgerichtig im riesengroßen Schlafzimmer von Norma spielen, wo ein ebenfalls überdimensioniertes Gemälde, das den gallischen Wald zeigt, an der Wand hängt. Wenn “nichts” passiert, macht Rech mit Erika Sunnegardh in der Titelpartie Beschäftigungtherapie. Schuhe aus, Schuhe an, Jäckchen an, Jäcken aus. Alkohol, Pillen, nochmal Alkohol. Fernsehgucken (es sind die beiden Kinder zu sehen). Kotzen (vor der “Casta diva”). Was man eben als taffe Businesstante eben so macht. Oder Frau Rech sich darunter vorstellt. Ist Norma nicht von der Partie, fährt ein Prospekt runter, auf dem der selbe Wald wie dem auf dem Gemälde abgebildet ist. Später wird sich das Gemälde – eigentlich ein bemalter Gazevorhang (?) – öffnen bzw. den Blick auf den Wald und deren Bewohner freimachen. Aha, denkt man sich, da soll wohl gezeigt werden, wie Norma all das, was sich da draußen abspielt, irgendwie ausblendet. So weit, so gut. Aber das trägt eben keinen Abend – auch nicht, wenn im zweiten Akt das Schlafzimmer mitten im Wald steht. Warum funktioniert es nicht ? Weil Rech auf jeglichen politischen Hintergrund verzichtet – diese beiden Welten bleiben sich letztlich fremd, sie haben nichts miteinander zu tun. Rom ist Rom, aber keine brutale Besatzungsmacht. Der Konflikt Normas – er findet nicht statt. Tiefpunkt ist dann das “Versöhnungsduett” zwischen Adalgisa und Norma, in dem letztere eine Kissenschlacht mit den Kindern beginnt, während diese auf dem Bett herumspringen. Das tat richtig weh. Man darf gespannt sein, was von all dem noch übrig bleibt, wenn die Gruberova die Maifestspiele beehren wird……

Musikalisch war der Abend interessant und durchaus diskussionswürdig. Es dürfte kaum eine Oper geben, bei der die Besetzung der Titelpartie von einer Interpretin (Callas) derart dominiert bzw. überschattet wird und bei der es derart unterschiedliche Besetzungen gibt. Rossini’scher Vokalakrobatikinnen (Bartoli), Koloraturschleuderinnen (Gruberova), Verismoansätze (besagte Callas) und Wagnerherionen (Eaglen) – es gibt in dieser Partie nichts, was es nicht schon gegeben hätte. Wie fügt sich Erika Sunnegardh also ein ? In erster Linie kommt sie aus der deutschen, also wagner’schen Richtung. Die Höhe hat sie durchaus, aber eben immer nur punktuell. Die langen Bögen, das benötigte Legato, die Fiorituren, all das was eine Norma besonders, unterscheidbar macht, das fehlt dann doch ein wenig. Ich bin kein großer Norma-Kenner, daher vermag ich auch nicht zu sagen, wie Sunnegardh welche Phrase genau gesungen hat. Für mich ging die Leistung in Ordnung, aber das rechtfertigt sich in erster Linie durch das engagierte Rollenporträt. Mit der (damals indisponierten) Catherine Naglestad, die ich vor ein paar Jahren in Stuttgart hören konnte, kann sie jedoch nicht mithalten. Die vielen Bravorufe fand ich ein wenig “over the top”, die wenigen Buhs nachvollziehbar.

Ansonsten gab es einen wunderbaren Pollione (Scott Piper) mit nasalem Timbre (mag ich) und schnell anspringendem Vibrato. Am Anfang hätte man sich noch mehr Piani gewünscht, aber was soll’s. Und dass der Schlusston im Duett mit Adalgisa (blass, spröde Höhe – ging total an meinem Radar vorbei) im Nirgendwo verendet, hat auch damit zu tun, dass Pollione genau in diesem Moment auf Adalgisa liegt und sie…. nun ja. Sie wissen schon….

Das Dirigat (Will Humbug) passte sich der Sunnegardh’schen Interpretation an – d.h. es klang eher deutsch, etwas breit. Der Freischütz war unüberhörbar. Trotzdem spielte das Orchester sehr differenziert und genau. Und das ist ja auch was wert.

Share Button
(Visited 48 times, 1 visits today)