Wiesbaden / Candide (22.11.2014)

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  • November 23, 2014

Größer hätte der Kontrast für mich kaum ausfallen können – Freitag noch der apokalyptisch-“gute” Jakob Lenz in Stuttgart von Rihm, gestern dann der Candide von Leonard Bernstein. Eine “komische Operette”, so lautet die genaue Beschreibung des Werks – und damit ist ausgedrückt, was Operetten meines bescheidenen Erachtens erst mal nicht von allein sind: komisch. Man benötigt hierzu einen wirklich kompetenten Regisseur und ich behaupte mal, ein Candide ist schwerer als ein Tristan. Bernd Mottl macht seine Sache ganz, ganz hervorragend und schafft optisch beeindruckende Tableaus. Im zweiten Akt lässt die Spannung etwas nach, aber das liegt in erster Linie an der Struktur des Stücks. Es gibt immer viel zu gucken, viel auch zum infantilen Kichern (aber warum auch nicht ?) und manchmal der erschreckte Gedanke “er wird doch nicht…?” Oh doch, er wird. So lässt wird das Eldorado-Bild des zweiten Aktes in einen arabischen Ölstaat verpflanzt wo zu schmissigen Broadway-Klängen (lustvolles Dirigat: Albert Horne) eine vollverschleierte Frau gesteinigt wird. Aber keine Sorge an die PC-Fraktion: Juden und insbesondere die römische Kirche kommen auch nicht besser weg – vor allem letzte. Das Autodafé im ersten Akt – nur Verdi konnte das besser. Aber da gab es weniger zu Lachen…..
Auch sängerisch war alles wunderbar – die Charaktere pendelten genau richtig zwischen “überzogen” und “individuell”. Die alte Lady (Romina Boscolo) passt sich jeder Leitkultur im Nu an, Gloria Rehms Kunigunde (vom grippalen Infekt konnte man nichts hören) schläft und singt sich mit perlenden Koloraturen durch die Pariser Betten und Wolfgang Vater führt souverän durch den ganzen Abend in gleich vier Partien. Der sympathische Aaron Cawley gibt die Titelrolle stimmlich ansprechend – allerdings mit hörbarem Akzent.
Nichtsdestotrotz: der erste Kracher im Wiesbadener Staatstheater diese Saison. Bitte mehr davon !

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