Frau ohne Schatten / Frankfurt (9.11.2014)

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  • November 11, 2014

Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich die “Frosch” als Werk für mich geknackt hatte. Dann kam Salzburg – faszinierend. München war überwältigend. Und Frankfurt ? “Beeindruckend” trifft’s am besten.

Das liegt auch an der Regie von Christof Nel. Anfang dachte ich “Ein Nel eben. Sehr verkopft.” Nach einer Weile wurde die Bidlsprache aber verschlüsselter und gar nicht mehr analytisch – was dem Werk meines Erachtens gut tut. Grandios zudem die Überlegung, Kaiserin und Färberin als “Kinder” darzustellen, die am Ende durch die Prüfungen gereift sind. Als sich beide zum Abschlussquartett die Hände halten – die Gatten stehen abseits – merkt man, dass dies auch, so kurios es sich anhören mag, ein Emanzipationsstück ist. Beide gehen dann erst zu ihren Ehemännern als gleichberechtigte Personen, was so gar nicht dem Frosch-Klischee von der vermeintlich vermittelten Gebärfähigkeit als conditio sine qua non für weibliches Glück zusammenpasst. Da darf man, denke ich, schon mal den Begriff “Rezeptionsgeschichte schreiben” in die Runde werfen.

Musikalisch war es das reinste Glück. Dabei entspricht die gesangliche Gestaltung eigentlich nicht den Erwartungen (bis auf eine Ausnahme) – man hört einen Strauss, den man – und das mag sich bekloppt anhören, aber ich lasse es einfach mal so stehen – in der Bellini- und nicht der Wagner-Ecke stecken könnte. Es wird nicht gebellt, nicht gebrüllt – stattdessen dominieren Legato-Qualitäten und Belcanto. Allen voran ist hier Tanja Ariane Baumgartner als Amme zu nennen – keine keifende Ortrud, eher eine Adalgisa, die an ihrer Ziehtochter verzweifelt. Auch Burkhard Fritz als Kaiser singt die unangenehm hoch liegenden Phrasen ohne Probleme. Ja, da und wann fehlt das “Ping”, das man erwarten könnte, aber da eben ohne hörbaren Kraftaufwand gesungen wird, ist das keinesfalls zweite Wahl. Sabine Hogrefe, die ich aus Freiburg als Brünnhilde kenne, hat an ihrer Darstellung als Färbersfrau weiter gearbeitet und hat ihre passable Saarbrückener Leistung hinter sich gelassen. Was da an Lyrik rauszuhören war, einfach unwahrscheinlich schön. Als Beispiele seien ihr “Barak [ich hab es nicht getan]” und die ersten beiden “Schweigt doch [ihr Stimmen]”. Wo die meisten sich in ein Forte stürzen (flüchten), sind hier Crescendi bzw. Piani zu vernehmen. Noch beeindruckender Tamara Wilson als Kaiserin. Perfekte Höhen, Koloraturen und dennoch Durchsetzungsfähigkeit im dritten Akt. Auch die gesprochene Szene im dritten Akt liefert sie souverän, ganz ohne “Ami-Sprech” ab. Auch hier hörte ich bestimmte Phrasen wie “zum ersten Mal” – genannt sei stellvertretend das “Hell ist in mir” im dritten Akt. Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass ich bisher versucht habe, mich um eine Einschätzung von Terje Stensvold als Barak zu drücken. Und das liegt daran, dass seine Darbietung die einzige war, die mir nur mit Abstrichen gefiel. Ja, die Stimme ist balsamisch und für dieses Alter bemerkenswert intakt, da gibt es überhaupt keinen Grund für einen Bühnenabschied. Dennoch schwang mir zuviel Nasales in der Tongebung mit und die eine oder andere Phrase klang eher bräsig. So hatte ich ihn jedenfalls nicht in Erinnerung von seinem letzten Frankfurter Wotan. Trotzdem eine gelungene, da auch darstellerisch präsente Darbietung, wie bei den anderen vier Hautpartien auch. Gleiches gilt für die Aussprache und vorbildliche Textverständichkeit.

All dies wurde aber ermöglicht durch das umsichtige Dirigat vom GMD, welches das Fundament für das Gelingen des Abends legte. Denn man hatte nie den Eindruck, dass Weigle aus der sängerischen Not eine Tugend machte, das alles hatte kammermusikalische Qualitäten. Patzerfrei und den Einzelstimmen Raum gebend war dies sicher eine Liga mit Thielemann und Petrenko. Eine CD wäre eigentlich das Mindeste, was die Oper Frankfurt aufbieten müsste. Kurzum: Ein Abend mit persönlichem Referenzcharakter.

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