Jenufa / Augsburg (3.10.2014)

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  • October 4, 2014

Ein irritierter Blick auf den Besetzungsaushang im Foyer während der ersten Pause. Tatsächlich, da steht es: “Regie: Peter Konwitschny”. Der Konwitschny, der den Lohengrin in ein wihelminisches Klassenzimmer verfrachtete, die Meistersinger unterbrach und eine Götterdämmerung ohne Götterdämmerung enden ließ ? Genau jener. Und genau jener zeichnet sich für die Inszenierung der Ausgburger (und zuvor Grazer) Produktion dieses Janacek-Meisterwerkes aus. Dabei macht er seine Sache erwartet gut und unerwartet untypisch. Keine ironische Brechnung, auch kein großer Coup. Einfach nur eine Jenufa, die im ersten Akt fast zu operettenselig beginnt. Somit gibt Konwitschny den Charakteren jedoch eine Fallhöhe – und fallen tun die Charaktere bekanntermaßen ja tief in diesem Stück. Im zweiten Akt dann eine emotionale Achterbahnfahrt, die ihresgleichen sucht. Besonders bewegend, als die Soloviolinistin auf der Bühne erscheint – an sich nichts Neues, eine Instrumentalsolistin auf die Bühne zu verfrachten, aber wie diese mit Jenufa agiert, sie mit ihrem Spiel beschwichtigt, tröstet und gleichzeitig das Unheil im Bühnenoff verkündet, das hat große Klasse. Im dritten Akt dann erneut – fast zu viel – Heiterkeit, bis die Babyleiche entdeckt wird. Der Vorhang will sich schon schließen, bleibt aber ein Stück offen, Jenufa wil eigentlich abgehen und wird dann doch von Laca auf die Bühne zurückgezogen. Die gescheiterte Emanzipation Jenufas oder doch ein Happy End ? „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ So fällt beim unaufgeregten Betrachten dieser Regie einem wieder ein, was Konwitschny so besonders macht – nicht seine berühmt-berüchtigten Kunstgriffe, sondern in erster Linie ein grundsolides Regiehandwerk, das stets von tiefem musikalischem Verständnis zeugt.

In musikalischer Hinsicht sind Abstriche zu machen, aber sie wiegen nicht sonderlich schwer. Das Dirigat von Lancelot Fuhry (heißt der wirklich so ?) hatte eher begleitenden Charakter und den beiden Halbbrüder Steva (Ji-Woon Kim) und Laca (Mathias Schulz) fehlt es phasenweise an Durchsetzungskraft (Janacek ist halt doch kein Mozart). Elisabeth Hornungs alte Buryja verzichtete überraschend auf den häufig zu vernehmenden Sprechgesang. Haussopran Sally du Randt ist über das Mädchenhafte der Titelfigur ein wenig heraus, spielt und singt ihre Rolle aber überzeugend und phasenweise auch ergreifend. Mein Stimmtyp war sie jedoch nie, aber da kann sie nix für. Als indisponiert angekündigt, aber wunderbar auf Linie singend Kerstin Deschers Küsterin. Hier steht keine Wagnerheroine mit großen Gesten auf der Bühne, sondern eine Musiktheaterdarstellerin, die eine nicht einmal eine alte, aber realistisch-zynische Stiefmutter gibt.

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