Tannhäuser / Lübeck (7.9.2014)

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  • September 8, 2014

Lübeck ist eine schöne Stadt. Lübeck ist eine schöne Stadt. Nein, wirklich – ich finde, das musste mal gesagt sein. Lecker Marzipan, schöne Backsteingotik, Willy-Brandt-Museum, Buddenbrook-Haus und viele glückliche Menschen. Letzteres könnte damit zusammenhängen, dass bisher maximal nur um die 1000 örtliche Hanseaten den örtlichen „Tannhäuser“ bzw. das Machwerk, das man als solchen dort ausgibt, gesehen haben können.

Vorab also ein paar szenische Beschreibungen – ohne Anspruch auf korrekte Reihenfolge und Details. Der geneigte Leser wird bald ahnen, wohin die Reise geht.

Erster Akt: Vier Hostessen erläutern den Pilgerchor, die Singstimme wird auf Leinwand eingeblendet. Das Publikum darf mitsingen, tut es vereinzelt. Das Orchester spielt die Ouvertüre. Erneut erscheinen die Hostessen, die sich später als Edelknaben entpuppen werden. Man habe, so heisst es, fünf Zuschauer befragt, was für sie denn Sünde sei. Auf Leinwand werden also diebesagten „Zuschauer“ eingespielt – sie reden von kleinen Sünden wie Schönheitswahn, einen über den Durst trinken, einer wettert über zockende Banker (nein – wie originell !). Die besagten Statisten werden also auf die Bühne gebeten und auf einzelne, mittlerweile herein geschobene Podien verfrachtet, auf denen sich Friseursalon, Restaurant mit Showküche, Black Jack-Tisch, Pole-Dance-Stange, etc. befinden. Während der Venusbergszene wird also eifrig gefressen, gezockt, gehurt, geföhnt. Auf der Leinwand passende Einspielungen, die immer mehr die globale Konsequenz dieses Verhaltens demonstrieren – Massentierzucht, Tierversuche, Kinderarbeit, Suppenküchen. Dann kommt die Venus mit Tannhäuser – letzterer hat alles durchschaut und will weg. In der Freiheit sieht Tannhäuser die Pilger, die sich mit ihren Krawatten geißeln (!) und T-Shirts mit hochpolitischen Slogans tragen. Tannhäuser kettet sich an eine Buche, er will nicht weg als Westerwelle, Steinmeier, Gabriel, Schäuble (Wolfram von Eschenbach) und (wohl – für mich sieht das eher nach Sarkozy aus, aber geschenkt) Gauck (Landgraf) erscheinen und den Müll der vorherigen Szene aufräumen. Tannhäuser folgt der Rittergesellschaft trotzdem.

Zweiter Akt: Angela Merkel mit Oslo-Kleid grüßt die „teure Halle“ vor dem geschlossenen Vorhang. Tannhäuser singt ein wenig mit ihr, was dann zu Szenenapplaus führt. Warum, weiß ich nicht, an der musikalischen Darbietung hat es meines Erachtens nicht gelegen. (Aber mehr zur Akustik folgt noch.) Der Sängerwettbewerb beginnt, wir sehe erneut im Hintergrund den Zuschauerraum des Lübecker Theaters – aha, was wir sehen, das hat mit uns zu tun. Tannhäuser zerrt bald aus der Seitenbühne die Müllsäcke und konfrontiert die Gesellschaft mit ihrer Heuchelei. Später holt er die oben-ohne-Stripperin hervor, schleudert sie auf Gabriel Platz bis der verschämte Steinmeier ihr sein Jackett überzieht. Man möchte Tannhäuser töten, Merkel verhindert dies. „Nach Rom !“

Dritter Akt: Wahlzeit. Die Pilgerkehren zurück, werden ihre Stimmzettel in die Urne, waschen sich die Hände und gehen wieder ab. Merkel leistet den Amtseid („Allmächt’ge Jungfrau“), schüttelt mit den Wahlverlierern Hände, die allesamt tot umfallen. (Im Falle Westerwelles halte ich dies momentan für besonders unangebracht, aber die Zweitbesetzung macht auf PhilippRösler.) Schäuble verweigert den Händedruck und überreicht Merkel eine goldene Krone. Merkel, die sich mittlerweile im Hosenanzug befindet, macht ihre Raute, tappt unbeholfen über die Bühne und winkt beim Abgang ins Publikum. Schäuble singt vom Abendstern, ein riesiger Benz-Stern. Im Hintergrund hängen weitere Firmenlogos (Lufthansa, SAP, BMW), die zuvor von Westerwelle und Co. Aufgehängt worden sind. Tannhäuser erscheint, Flaschen sammelnd. Während der die Bühne von den Leichen säubert singt er was von seinem letzten Romaufenthalt. Venus erscheint auf dem vormaligen Fress-Podium. Ein Plakat mit Merkel und der Aufschrift „Die Alternativlose“ wird entrollt. Der Vorhang schließt sich. Anstatt eines ergrünten Stabs, den zu diesem Zeitpunkt wohl keine Sau mehr erwartet haben dürfte, die sinngemäße Einblendung: „Wagner hat den Stab nicht als Wunder gesehen, sondern als gesellschaftliche Alternative. Gibt es sie ?“ So, und das war’s.

Ich bin schlechten Inszenierungen ja stets dankbar, da man gezwungen ist zu überlegen, warum sie eigentlich schlecht sind. Der Grund warum diese Inszenierung schlecht ist, liegt darin begründet, dass die Regie einen guten Einfall (kleine Sünde – große Sünde) stiefmütterlich behandelt, den pubertären Einfall (Derblecken mit Wagnersoundtrack) völlig überdehnt. Ich finde es sinnvoll, mithilfe anderer Ereignisse neue Perspektiven auf alte Werke zu eröffnen; so fand ich den Knabe-Tristan in Mainz, der sich des arabischen Frühlings bediente, große Klasse. Weil trotz aller Anspielungen Tristan eben Tristan blieb und selbst der Gaddafi-Verschnitt als Marke erkennbar blieb. Ich hätte also nichts dagegen gehabt, Tannhäuser mithilfe der Merkel-Republik zu erklären. Die Merkel-Republik möchte ich jedoch nicht mit Tannhäuser erklärt haben, dazu besteht meines Erachtens kein Bedarf, da kann ich auch ins Kabarett. Das ganze Desaster offenbart sich daran, dass Interaktion auf der Bühne zwischen den Hauptpersonen eigentlich nicht richtig stattfinden – man springt von Pointe zu Pointe und überbrückt die Zeit dazwischen halt mit der Musi.

So, und jetzt zum Musikalischen. Der Chor ist passabel, leider kann man aufgrund der Chorführung häufig keinen Mischklang, sondern Einzelstimmen vernehmen. Und gute davon gibt es in Lübeck, no offence, nicht sonderlich viele. Aus der Rittergesellschaft ragt niemand hervor, weder positiv noch negativ.  Die Venus hatte optisch und akustisch Sexappeal – leider hat die Regie mit ihr so gar nicht gearbeitet. Haushohe Siegerin ist sowieso das Merkel-Double, was aber auch den stimmlichen Leistungen lag. Herr Lippert litt am Peter Seiffert-Syndrom – klare Diktion offenbart textliche Schwächen („unbesiegbar ist der Bronnen…“ und viele mehr). Glücklicherweise sitzt die Souffleuse den ganzen Abend auf (!) der Bühne und gibt gut vernehmbar für alle die Einsätze. Lippert hat mit dem Passagio große Mühe – also keine gute Voraussetzung für die Rolle. Die „Erbarm dich mein“-Passagen blieben ziemlich ungehört. Fast schon trashig die darstellerische Attitüde eines gealterten, trockenen Operettentenors, der endlich mal auf ganz große Oper machen darf und stets die Hände nach oben und weit auseinander streckt. Keine Buhs für ihn, dafür für den neuen GMD, dessen Dirigat sich durch Einheitsforte und derart zügige Tempi auszeichnet, dass das Vorspiel zum dritten Akt fast schon Marschmusikcharakter annimmt.

Dem (häufig falsch zitierten) Bonmots von Pierre Boulez „Sprengt die Opernhäuser in die Luft!“ möchte man hinzufügen: „Fangt mit Lübeck an. Und stellt sicher, dass sich der Intendant samt Regisseur noch im Gebäude ist.“ Falls jemand Fragen an mich hat: ich bin in der Eckklause. Da gibt’s Radeberger. Prost.

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